Ratgeber

Warum die Nachnutzung von alten Handys vom echten Problem ablenkt

Ein Artikel von , veröffentlicht am 12.10.2023
Geht euch ein Licht auf? Foto: Nick Reynolds

Das alte Handy einfach umfunktionieren? Klingt sinnvoll, ist aber selten praktikabel und löst das Grundproblem nicht. Ein paar Ideen finden wir trotzdem spannend und stellen sie hier vor.

Bestimmt habt ihr es auch schon ein paarmal gelesen: Macht mit euren alten Handys etwas Sinnvolles. Das sorgt für längere Nutzungsdauer und ist deshalb umweltfreundlich.

Grundsätzlich eine gute Idee. Die Frage ist: Welche sinnvollen Nachnutzungen gibt es überhaupt? Wir sind für euch die beliebten Ideen durchgegangen – von den meisten Klassikern sind wir nicht überzeugt, dafür haben wir ein paar überraschende Gimmicks entdeckt.

 

Warum wir von der Nachnutzung enttäuscht sind

Millionen von Handys liegen ungenutzt in den Schubladen. Fürs Recycling sind sie oft noch zu gut, als vollwertiges Handy aber nicht mehr gut genug. Manchmal liest man dann, dass diese Handys doch einen tollen MP3-Player oder Kompass abgeben.

Wir finden, dass diese Ideen von der Verantwortung der Hersteller und der Politik ablenken. Das Ziel muss sein, dass man ein Handy länger nutzen kann als zwei, drei vielleicht fünf Jahre. Nicht, dass man am Ende all die alten Handys rumliegen lässt und sich einredet, dass man sie als Taschenlampe nutzen wird. Für diese längere Nutzung braucht es vor allem längere Updates und bessere Reparierbarkeit.

Ist Nachnutzung also schlecht? Natürlich nicht. Wenn ihr eine sinnvolle Idee habt, dann ist das besser als Rumliegenlassen oder Recyceln. Bei dieser Kritik geht es aber nicht um den Einzelfall, sondern um eine Industrie, die ihrer Verantwortung nicht gerecht wird.

Hier haben wir eine Faustregel für die Nachnutzung:

Erfüllt das alte Handy eine oder mehrere Funktionen, die ihr wirklich braucht UND würdet ihr eines Tages ein anderes Gerät kaufen, um diese Funktion zu erfüllen? UND muss das Handy dafür NICHT dauerhaft an die Stromversorgung angeschlossen werden?  Wenn ihr diese Fragen mit Ja beantworten könnt, dann habt ihr eine sinnvolle Nachnutzung gefunden.

Immer gilt bei alten Geräten: Wenn es keine Sicherheitsupdates mehr gibt, dann solltet ihr auf alles verzichten, was sensible Daten enthält und per Passwort geschützt ist wie zum Beispiel Banking.

 

Idee 1: Uhr / Wecker

Klingt erstmal super: Das alte Handy ist vielleicht zu unsicher für die Anwendung im Alltag – weil die Updates fehlen – aber als Wecker taugt es bestimmt noch.

Das Problem dabei: Ihr solltet Handys nicht dauerhaft am Strom lassen. Im schlimmsten Fall kann der Akku sich dadurch verformen oder in Flammen aufgehen. Das will man nicht riskieren – erst recht nicht neben dem Kopfkissen.

Kann man den Akku nicht aus dem Handy nehmen und es dann an den Strom anschließen? Ja, das kann man. Aber die meisten neueren Handys haben verklebte Akkus – den zu entfernen ist eine ziemliche Bastelei. Für uns Grund genug zu sagen: Diese Idee ist nur etwas für wirklich Engagierte.

 

Idee 2: Taschenlampe / MP3-Player

Jedes Handy hat als Kamerablitz ein LED-Licht. Das funktioniert natürlich auch ohne Internet. Die Lebensdauer von LEDs umfasst normalerweise mehrere tausend Stunden. Der Akku wird dabei erstaunlich wenig belastet.

Bei unserem Testhandy, einem Sony Xperia XZ1 (Akku mit 2700 mAh Nennkapazität, aber schon etwas älter), hielt die Lampe gut 68 Stunden lang durch. Das Handy wurde dabei nicht warm.

Das Problem: Würdet ihr ein altes Handy als Taschenlampe mit euch herumtragen, wenn ihr auch ein neues habt, dass selbst eine LED-Blitzlampe hat, die dasselbe kann? Zweifelhaft.

Das alte Handy als Taschenlampe zu nutzen, ist eher eine Idee für Ausnahmefälle. Dasselbe gilt für andere Klassiker der Nachnutzung wie den MP-3-Player oder den Kompass. Dafür braucht man in der Regel nicht mehr als ein einziges Handy. Also keine besonders breit anwendbare Sache für die Nachnutzung.

 

Idee 3: Babyfon / Kamera

Ihr wollt unkompliziert euer altes Handy nutzen, um Bilder aus dem Nebenraum zu übertragen? Ganz einfach geht das mit einer gratis App, die auch noch quelloffen ist.

Solange die Kamera und WLAN-Verbindung noch funktioniert, kann man aus dem alten Handy eine praktische Überwachungskamera bauen. Das geht ganz einfach mit der App Remote Video Cam aus dem Open-Source-App-Store F-Droid (ihr findet sie auch im Google Play Store). Hier findet ihr eine Anleitung zur ganz einfachen Einrichtung.

Das Problem: Leider ist die Anwendung für die naheliegende Nutzung als Babyphon etwas instabil. Der Entwickler selbst rät von dieser Nutzung ab. Wenn das Bild mal einfriert, könnte man übersehen, dass es dem Baby nicht gut geht. Deshalb sehen wir auch hier keine riesige Zahl von Menschen, für die das Alt-Handy damit eine neue Aufgabe übernimmt.

Es gibt auch kommerzielle Apps wie Babyphone 3G – Video Babyfon. Die App kostet 6,49 Euro und ist für Android und iOS verfügbar, sodass man auch ein altes Android mit einem iPhone verbinden kann. Wir haben in der App keine Tracker gefunden. Ähnlich sieht es bei der App Dormi – Babyfon aus. Sie gibt es nur für Android, auch hier keine Tracker. Allerdings gilt immer: Vorsicht bei der Nutzung als Babyfon. Die App könnte schlimmstenfalls unbemerkt abstürzen.

 

Idee 4: Unabhängiges Internet für Chats ohne Netz

Vielleicht habt ihr ab und zu davon gelesen, wenn es um Proteste im Iran oder in Hongkong ging: Demonstrierende nutzten sogenannte Mesh-Netzwerke, weil die Regierungen ihnen das Internet abgeschaltet hatten.

So ein Mesh-Netzwerk kommt ohne Mobilfunk und externe Daten aus. Es ist einfach eine Verbindung zwischen den Handys, die untereinander funken. Dafür müssen die Handys allerdings nah beisammen sein. Bei Bluetooth muss sich das nächste Handy jeweils in zehn Meter Umkreis befinden, bei einer Verbindung per WLAN sind es an die 100 Meter. Zumindest ohne Hindernisse, wie wir in einem Test bestätigen konnten.

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In Deutschland wird das Internet zwar bei Demos nicht abgestellt. Aber die Technik kann trotzdem in ein paar Situationen praktisch sein. Zum Beispiel, wenn die Mobilfunknetze bei Großveranstaltungen überlastet sind.

Oder man nutzt die Technik, wenn man zum Campen an einem Ort im Funkloch ist. So kann man trotzdem noch Nachrichten von einem zum anderen Gerät austauschen.

Das Problem: Es braucht erstmal eine funktionierende App, die möglichst weiträumige Verbindungen ermöglicht. Bei den Protesten in Honkong wurden die Apps FireChat und Bridgefy genutzt. Leider werden diese schon länger nicht mehr aktualisiert und sind nicht mehr zu empfehlen.

Ähnlich wie die genannten Apps funktioniert auch der Open-Source-Messenger Briar.  Allerdings baut Briar kein Netz auf, in dem die Nachrichten von einem zum anderen Kontakt über zwischengeschaltete Geräte springen können. Um per WLAN zu kommunizieren, müssen die Geräte im selben Hotspot sein. Über circa 100 Meter Reichweite kommt man damit nicht hinaus. Bei Bluetooth ist es noch weniger. Und es werden nur Nachrichten vom einen auf ein anderes Gerät übertragen.

Auch hier könnte man außerdem sagen: Klar, das ist nett, aber dafür nehmen wir einfach das Haupthandy. Wir finden die Idee für eine Nachnutzung alter Geräte trotzdem spannend, weil man auf Festivals oder zum Campen vielleicht nicht das neue Gerät mitnehmen möchte. Und noch dazu kann man vielleicht ein zusätzliches altes Handy als Hotspot im Zelt liegen lassen.

 

Idee 5 bis unendlich: Spielekonsole, Externer Bildschirm, 3D-Hologramm…

Der Grundgedanke bei all diesem Anwendungen ist ja, dass wir weniger Ressourcen verschwenden. Ihr solltet euch also immer fragen: Verhindere ich mit der Nachnutzung den Neukauf von anderen elektrischen Geräten?

Deshalb ist es wichtig, dass ihr nicht nur eine Nutzung, sondern eine Mischung findet, die für euch Sinn macht. Und da gibt es verschiedene Kombinationen: Mit Apps wie RustDesk (Open-Source-Alternative zu Teamviewer) könnt ihr das Handy nutzen, um auf euren PC zuzugreifen. Spacedesk macht euer Handy zu einem zweiten Monitor für euren PC. Damit könnt ihr euch zum Beispiel Website-Analytics oder andere Live-Daten anzeigen lassen – oder jedes andere Programm, das ihr auf dem Desktop laufen lasst.

Das Internet ist auch voller Bastelvideos, mit denen ihr nette optische Illusionen in Form von sogenannten 3D-Hologrammen hinbekommt. Vielleicht wäre das etwas fürs Basteln mit Kindern oder für die nächste Zaubershow.

Nur ändern diese Ideen alle nichts daran, dass wir endlich ein Gerät brauchen, dass man länger als Haupthandy nutzen kann. Hier sind die Smartphone-Hersteller am Zug!

 

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Jonas Bickelmann

Leitet die Redaktion von mobilsicher. Er studierte Philosophie, machte ein Volontariat bei einer Berliner Tageszeitung und schreibt nicht nur gerne über grünere Smartphones, sondern als freier Autor auch über Reisen und Kultur.

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