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Freie Betriebssysteme: Freiheit fürs Smartphone

Ein Artikel von , veröffentlicht am 20.09.2020, bearbeitet am10.11.2020
Erst mit freiem Betriebssystem ist ein Smartphone wirklich kontrollierbar. Foto: iStock

Die beiden großen mobilen Betriebssysteme sind Android von Google und iOS von Apple. Daneben gibt es viele freie Projekte, die ohne ein großes Unternehmen im Rücken Software bereitstellen. Doch wie funktioniert das und was steht zur Auswahl? Unser Überblick.

Was ist ein freies Betriebssystem?

Ein Betriebssystem bildet die Grundlage aller Programme, die auf einem Computer oder einem Smartphone laufen. Es ist sozusagen das Rückgrat eines Geräts, das dafür sorgt, dass alle wichtigen Prozesse funktionieren.

Betriebssysteme können freie oder so genannte proprietäre Software sein. Bei freier Open-Source-Software kann jede*r im Quellcode nachlesen, was genau die Software tut, welche Informationen sie ausliest und weitergibt. Bei proprietärer Software ist zumindest ein Teil des Codes geheim. Von außen ist es also schwer nachzuvollziehen, was das Programm im Hintergrund macht.

Geräte, die man im Handel kauft, haben meistens ein proprietäres Betriebssystem. Bei Smartphones ist das in der Regel Android von Google oder iOS von Apple. Diese Betriebssysteme übermitteln Daten an den Hersteller, schränken die Nutzung ein und können so genannte Hintertüren enthalten, die dem Hersteller die Kontrolle über das Gerät ermöglichen.

Grundsätzlich ist es machbar, ein vorinstalliertes Betriebssystem durch ein anderes zu ersetzen. Dazu muss man fest einprogrammierte Nutzungsbeschränkungen des Herstellers "aufbrechen". Im Jargon nennt man diesen Vorgang rooten (bei Android) oder jailbreaken (bei iOS). Das kann schiefgehen - im schlimmsten Fall macht man sein Smartphone zu einem "Brick", also einem unbrauchbaren Backstein.

Wer aber technisch versiert ist und sich entsprechend einarbeitet, kann über ein freies Betriebssystem die volle Kontrolle über sein Gerät gewinnen.

Freie Systeme: Android-basiert

Da die Software Android im Kern quelloffen (Open Source) ist, haben verschiedene Entwickler*innen und Communitys auf Android basierende freie Betriebssysteme entwickelt.

Bedienen lassen sie sich ähnlich wie Android – ohne dass Google viele Nutzungsdaten erhält. Anwender*innen müssen beim ersten Anschalten kein Google-Konto erstellen und entscheiden selbst, welchen App-Store sie nutzen.

LineageOS – das Bekannte

LineageOS ist ein weit verbreitetes alternatives Betriebssystem. Knapp zwei Millionen Nutzer*innen haben die veränderte Android-Version auf ihrem Handy installiert. Eine ehemalige Samsung-Ingenieurin aus Seattle startete das Projekt – damals noch unter dem Name CyanogenMod. Zwischenzeitlich sollte es kommerzialisiert werden, was aber scheiterte. Da der zugrundeliegende Code frei zugänglich war, kopierte ihn die Community und entwickelte ihn weiter - seit 2016 unter dem neuen Namen LineageOS.

Das Betriebssystem enthält viel freien Code, aber auch einige nicht-freie Komponenten, wie beispielsweise Gerätetreiber oder Teile der Firmware. Das ist Software, die fest mit den Bauteilen des Gerätes verbunden ist und mit der Installation von LineageOS Teil des Betriebssystems wird. Bei LineageOS sind einige Apps vorinstalliert, man kann sie aber deaktivieren. Dafür funktioniert das Betriebssystem auf  vielen Geräten und die aktive internationale Community stellt Sicherheitsupdates bereit – auch für viele ältere Gerätemodelle, die von den Herstellern selbst nicht mehr mit Updates versorgt werden.

Replicant – das wirklich Freie

Dieses Betriebssystem ist eine wirklich freie Alternative zu Android. Es verwendet im Gegensatz zu LineageOS ausschließlich Open-Source-Software. Replicant startete 2010 mit einem kleinen Team von vier Personen um den Entwickler Denis Carikli, der in Paris lebt. Finanziert wird das Projekt von der Free Software Foundation, einer amerikanischen Non-Profit-Organisation. Leider funktioniert das Betriebssystem nur auf wenigen, eher älteren Geräten.

/e/ - das Neue

Auch das relativ neue Betriebssystem /e/ basiert auf LineageOS und Android. Entwickelt hat es die e-Foundation in Paris – für durchschnittliche Nutzer*innen ohne Technikfachwissen. Die e-Foundation ist eine gemeinnützige Organisation, die von Partnerfirmen mitfinanziert wird. Bei /e/ ersetzen Open-Source-Bibliotheken diejenigen von Google. So funktionieren die Apps aus dem Google Play-Store trotzdem. Bisher gibt es /e/ in einer Beta-Version, die noch besser und sicherer werden soll.

GrapheneOS - das Aktuelle

2014 gründete der kanadische Sicherheitsforscher Daniel Micay das freie System GrapheneOS, zunächst als Ein-Mann-Projekt. Nachdem verschiedene Firmenkooperationen scheiterten, nutzen und unterstützen nun verschiedenen Firmen und Organisationen das Betriebssystem. Auch eine nichtkommerzielle Graphene-Stiftung ist geplant.

GrapheneOS ist frei und nutzt keine Google-Services. Es läuft aber nur auf sehr wenigen Geräten wie dem Google Pixel 2 und Pixel 3. GrapheneOS setzt stark auf Sicherheit und hat mit dem Whistleblower Edward Snowden einen bekannten Fürsprecher. Updates gibt es gleichzeitig mit den Google-Updates, also besonders schnell. Einen Test haben die Kollegen von golem.de hier.

LineageOs und Replicant gehören zu den Tipps der Free Software Foundation Europe. Hier geht's zu unserer Rezension von /e/.

Freie Systeme: Linux-basiert

Linux ist ein bekanntes alternatives Betriebssystem für Computer. Darauf aufbauend haben Programmierer*innen Smartphone-Betriebssysteme entwickelt.

Ubuntu Touch

Ubuntu Touch ist die mobile Version des Linux-Betriebssystems Ubuntu für Computer. Die britische Software-Firma Canonical startete das Projekt, stellte es 2017 aber ein, um sich anderen Vorhaben zuzuwenden. Die UBports-Stiftung übernahm es als Community-Projekt. Die Stiftung wurde von dem Norweger Marius Gripsgard gegründet und ist heute in Deutschland als gemeinnützig anerkannt. Bisher gibt es für Ubuntu Touch nur wenige vollständig unterstützte Geräte und verfügbare Apps. Die UBports Foundation arbeitet zusammen mit dem Unternehmen Purism daran, Ubuntu Touch auch für das Smartphone Librem5 anzupassen (siehe unten, Punkt PureOS).

PostmarketOS

Auch PostmarketOS ist ein freies Open-Source-Projekt, das von einer Community lebt. Es basiert auf dem schlanken Alpine Linux. Das Programm ist so angelegt, dass es Computerressourcen effizient nutzt, also zum Beispiel relativ wenig Speicherplatz braucht. Das Projekt wurde 2017 gestartet und läuft auch auf alten Geräten – inzwischen auf mehr als 200 Stück. Das heißt aber nicht, dass auf jedem Gerät jede App ohne Einschränkungen funktioniert. Langfristiges Ziel ist es, die Lebensdauer von Smartphones auf zehn Jahre zu erhöhen.

PureOS

PureOS setzt als freies Betriebssystem ebenfalls auf Sicherheit und Privatsphäre. Entwickelt hat es das gemeinnützige Unternehmen Purism mit Sitz in Kalifornien, das seit 2014 Notebooks und Smartphones herstellt. Dahinter steht eine Gemeinschaft von Entwickler*innen. Mit einer Crowdfunding-Kampagne für das Smartphone Librem5 warben die Entwickler*innen von Purism mehr als 1,5 Millionen US-Dollar ein.

Eine Übersicht weiterer alternativer mobiler Systeme gibt's hier bei Wikipedia.

Vorinstallierte freie Systeme

Für alle, denen das Flashen - also das Ersetzen der vorinstallierten Software eines Smartphones - zu kompliziert oder zu heikel ist, gibt es Anbieter, die diese Aufgabe übernehmen. Sie verkaufen Geräte mit einem vorinstallierten alternativen Betriebssystem.

Ein freies Betriebssystem ab Werk bieten diese Geräte:

Ein freies Betriebssystem wählen

Es gibt kein Betriebssystem, dass alle relevanten Anforderungen gleichzeitig erfüllt. Daher muss man als Nutzer*in abwägen, was einem am wichtigsten ist. Das kann das Maß der Freiheit des Systems, eine deutschsprachige Community oder ein bestimmtes Gerät sein, auf dem das Betriebssystem laufen soll.

Wirklich sicher ist ein Betriebssystem nur, wenn es regelmäßig mit Sicherheits-Updates versorgt wird. Wie oft es Updates gibt, liegt bei freien Betriebssystemen am Engagement der Entwickler*innen. Unter den Releases der Systeme kann man nachvollziehen, wie oft die Software aktualisiert wurde. Um sicherzugehen, dass es weiterhin Updates gibt, kann man bei den Communitys direkt nachfragen.

Doch auch bei Googles Android kann man sich nur eine Zeitlang auf Updates und Sicherheits-Patches verlassen. Google verspricht, die eigenen Geräte drei Jahre lang mit Sicherheitsupdates zu versorgen. Andere Hersteller schneiden bei Android deutlich schlechter ab.

Neulingen auf dem Feld der alternativen Betriebssysteme, die kein Smartphone mit vorinstallierter freier Software kaufen möchten, empfehlen wir LineageOS. Das System läuft auf vielen Geräten und die aktive Community stellt regelmäßig Informationen und Updates bereit. Tipps zur Installation liefert der IT-Experte Mike Kuketz, im Forum seines Blogs sind viele LineageOS-Nutzer*innen zudem auf Deutsch ansprechbar.

In einem Erfahrungsbericht bei golem.de argumentiert Moritz Tremmel für den Wechsel zu GrapheneOS, da das System besonders sicher sei und auch Laien problemlos Updates einspielen könnten.

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