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Cyber-Grooming bei TikTok: Neue App, alte Probleme

Tiktok
Bilder: pixabay, TikTok / Montage: ip

Die Playback-App TikTok ist der Nachfolger von musical.ly. Wie schon beim Vorgänger finden sich auch hier zahllose Videos von sehr jungen Mädchen in aufreizenden Posen und ein Netzwerk von Nutzern, die sie ansprechen und mehr Haut sehen wollen. Wirksame Gegenmaßnahmen des Anbieters fehlen noch immer.

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Eltern · Kinder
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Da war die leise Hoffung, dass es jetzt anders ist. Dass die App nicht nur umbenannt wurde, sondern auch ihre Probleme gelöst sind. Dass sich Achtjährige nicht mehr einfach so auf der Playback-Plattform anmelden können, um ihre Videos mit der ganzen Welt zu teilen. Und dort Kommentare von den Falschen zu bekommen.

Doch TikTok lädt, das Handy spielt die ersten Songs, und aus der Traum. Alles hier ist seltsam vertraut. 15-sekündige Tanzvideos, dramatische Posen, wackelnde Bildschirme. Und ja: Auch Videos aufreizend tanzender Kinder gehören zu TikTok. TikTok ist wie musical.ly, nur noch größer.

Im August 2018 verwandelte sich das kleine „m“ auf den Handybildschirmen tausender deutscher Kinder und Jugendlicher in das TikTok-Symbol – eine leuchtende Note. Die chinesische Firma ByteDance, die hinter beiden Apps steht, hatte entschieden, die sozialen Netzwerke zusammenzulegen und alle Nutzerkonten aus musical.ly zu TikTok umzuziehen.

TikTok hat dieselben Probleme wie musical.ly

Darauf, dass sehr junge Mädchen – teilweise nicht älter als acht oder neun Jahre – in musical.ly-Videos in knapper Kleidung aufreizend tanzen, hatte mobilsicher bereits im April 2018 aufmerksam gemacht. Die Betreiber von musical.ly reagierten auf die Kritik, indem sie einige Suchbegriffe blockierten und Nutzerprofile sperrten.

[Hier geht es zum Text musical.ly: Unheimliche Parallelwelt im Kinderzimmer.]

Der neue Dienst, TikTok, bringt nun dieselben Probleme mit sich. Zwar ist die Nutzung erst ab 13 Jahren erlaubt, doch wie schon bei musical.ly ist es ein Leichtes, sich mit einem falschen Geburtsdatum anzumelden.

Und auch bei TikTok filmen bereits Acht- und Neunjährige sich selbst, während sie in ihren Kinderzimmern singen und tanzen. Viele zeigen sich dabei in aufreizenden Posen. Obwohl sie schon von musical.ly bekannt sind – die Bilder schockieren aufs Neue.

Hinweis: Die hier gezeigten Screenshots sind eine kleine Auswahl dessen, was auf TikTok zu finden ist. Bei begründetem Interesse stellt die Redaktion weitere Screenshots zur Verfügung. Kontakt: redaktion@mobilsicher.de.

 

Die meisten Herzen erhalten Videos, die viel Haut zeigen.

In TikTok kann jeder Videos finden, mit Herzen markieren und kommentieren. Aus allen Videos, an die ein Nutzer ein Herz vergeben hat, entsteht in seinem eigenen Profil automatisch eine Galerie. Manche Sammler sind auf Filme tanzender Kinder spezialisiert. Sie heißen „younggirllover1“, „oursecretgroup“ oder „pedodaddy“.

Wer mit erfundenen Daten ein Profil angelegt und mit Suchwörtern experimentiert, stößt bald auf solche Profilnamen. Sie öffnen die Tür zu derselben unheimlichen Parallelwelt, auf die mobilsicher schon bei musical.ly hingewiesen hatte.

Die auf musical.ly ehemals beliebten Hashtags #Bellydanc und #Bikini führen bei TikTok zwar ins Leere – ein Netzwerk, das ständig in Bewegung ist, bringt aber schnell Alternativen hervor.

Bauchfrei-Videos bekommen die meisten Herzen

Bauchfrei geknotete T-Shirts, Unterwäsche und Netzstrümpfe – für viele kleine Nutzerinnen ist TikTok ein Experiment. Was funktioniert am besten? Was gibt die meisten Likes?

Videos von öffentlichen Profilen kann jeder sehen und kommentieren.

In einem Tanzvideo ist ein Kind sogar nur mit einer Windel bekleidet. Unter dem Video fordert der Nutzer „savage.leona“ es dazu auf, die Windel beim nächsten Mal wegzulassen.

Viele der kleinen Tänzerinnen haben auch andere Filme veröffentlicht, die meisten davon völlig harmlos. Während diese Beiträge jedoch nicht mehr als zehn oder 20 Herzen bekommen, erhalten etwa Bauchfrei-Videos weit über 100 Herzen. In den Kommentaren stacheln Zuschauer die Mädchen dazu an, noch mehr Haut zu zeigen und weitere Videos zu produzieren.

Kommentatoren versuchen, näheren Kontakt zu den Mädchen aufzunehmen.

Ebenfalls Klassiker in den Kommentaren: Feuer-Emojis und sabbernde Smileys. Vorschläge, sich über die Messenger Kik oder Snapchat ungestört weiter zu unterhalten. Und wie schon bei musical.ly die in Komplimente verpackte Frage, ob die Mädchen „gefeatured“ werden möchten.

Personen zu „featuren“ bedeutet, ihre Videos auf dem eigenen Profil hochzuladen – angeblich, um ihnen so zu mehr Zuschauern zu verhelfen. Manchmal bieten die Sammler in den Kommentaren auch Geld für Videos. Veröffentlicht werden sie dann unter Namen wie „hotdancers111“, „topbabez5“ oder „best.babes.features“.

Für ein Feature müssen die Mädchen ihre Filme per Direktnachricht weitergeben und verlieren damit die Kontrolle über ihre weitere Verbreitung. Nicht selten schreiben die selbsternannten Talentsucher das Angebot, die besten Videos mit Gleichgesinnten zu tauschen, gleich mit in ihre Profilinformation.

Manche Sammlerprofile sind auf sehr junge Mädchen spezialisiert.

Zuschauer können sich leicht verstecken

Von der Möglichkeit, sich vor fremden Zuschauern zu schützen, indem sie ihr Profil auf „privat“ stellen, machen – wie schon in musical.ly – nur wenige TikTok-Nutzerinnen Gebrauch. Denn wenn nur bestätigte Nutzer die eigenen Videos kommentieren und mit Herzen markieren dürfen, bedeutet das zwangsläufig weniger begeistertes Feedback.

Immerhin hat TikTok eine Warnung ins System integriert: Wer ein Video in seinem Profil hochlädt, während es auf „öffentlich“ gestellt ist, erhält zunächst den Hinweis, dass der Beitrag anschließend für jeden sichtbar ist. Auch gibt es in TikTok die Option, sein eigenes Profil zu verstecken. Die Stichwortsuche nach dem Benutzernamen führt dann ins Leere.

Diese Funktion scheint jedoch vor allem denjenigen zu nützen, die als reine Zuschauer nicht gefunden werden wollen. Von 100 Nutzern, die in TikTok durch anzügliche Kommentare auffallen, haben etwa 70 ihr Profil auf „privat“ gestellt. Viele haben zusätzlich die Funktion „anderen erlauben, mich zu finden“ deaktiviert.

Das erschwert es Nutzerinnen, übergriffige Profile an den Dienst zu melden. Dies ist dann nur mit Hilfe von Kommentaren möglich, die über einen Link zum Nutzerprofil führen, auch wenn ein Nutzer nicht gefunden werden will. Öffentliche Kommentare kann jeder auf diesem Weg zurückverfolgen – doch die Dokumentation ist mühsamer, als auffällige Profilnamen einfach zu notieren und weiter zu beobachten.

Schützen können nur die Eltern

Dass Kinder anzügliche Tanzvideos von sich produzieren, war bei musical.ly schon seit 2016 bekannt (siehe Interview mit App-Gründer Alex Zhu auf YouTube, ab Minute 09:35). Gegenüber mobilsicher hatte musical.ly im April 2018 erklärt, man verwende viel Arbeitskraft und technische Hilfsmittel darauf, dem Problem beizukommen. (Hier geht‘s zum ganzen Statement.)

Auf Anfrage von mobilsicher wies ein Sprecher von TikTok darauf hin, dass die App laut Nutzungsbedingungen erst für Kinder ab 13 Jahren zugelassen sei. „Zusätzlich haben wir unserer App eine Bewertung für über zwölf Jahren (12+) im App Store gegeben, so dass Eltern die App einfach über die entsprechenden Einstellungen im Smartphone der Kinder blockieren können.“

Es sei außerdem möglich, das eigene Profil nur für bestimmte Nutzer sichtbar zu machen sowie Nutzer an den Dienst zu melden. In diesem Zusammenhang verwies der Dienst auch auf sein Sicherheitscenter. Auch gebe es „globale und lokale Moderations-Teams, die unangemessene Inhalte entfernen und Konten schließen, die gegen unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Community-Richtlinien verstoßen.“

Ein wirksamer Schutz, das zeigt die aktuelle Recherche, ist dadurch jedoch nicht gegeben. Wir können Eltern daher nur raten, ihre Kinder bei der Verwendung von TikTok aufmerksam zu begleiten und genau abzusprechen, unter welchen Voraussetzungen der Dienst genutzt werden darf. Gehen Sie gemeinsam die Sicherheitseinstellungen der App durch und erklären Sie Ihrem Kind, wie es Annäherungsversuche anderer Nutzer erkennt.


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