Spyware & Überwachung

„Nicht in jeder Beziehung sind die Handys durch Sperr-Codes geschützt“

Ein Artikel von , veröffentlicht am 14.11.2019, bearbeitet am16.11.2019
Foto: istock / Vitezslav Vylicil

Wenn Frauen in ihren Beziehungen Gewalt erleben, spielt häufig das Smartphone eine Rolle: Nachrichten werden kontrolliert, der Standort überwacht. Wann es Zeit ist, Grenzen zu setzen und wohin Betroffene sich wenden können, erklärt Diplom-Psychologin Stefanie Pfingst im Interview.

Frau Pfingst, Sie beraten Frauen, die in ihrer Beziehung Gewalt erleben. Welche Rolle spielt das Handy dabei?

Das Handy wird in manchen Beziehungen als Liebesbeweis benutzt, nach dem Motto: Wenn du mich wirklich liebst, lass mich alles über dich wissen. Nicht in jeder Beziehung sind die Handys durch Sperr-Codes geschützt. Manchmal kauft auch der Mann seiner Partnerin das Handy und richtet es komplett für sie ein. Frauen erzählen mir immer wieder, dass ihre Partner ihre Nachrichten lesen – entweder heimlich oder offen, indem sie danach verlangen und die Frauen schließlich nachgeben.

 

Zu welchem Zweck?

Um zum Beispiel über Anruflisten und Nachrichten zu überprüfen, wie oft die Partnerin mit wem Kontakt hatte. Wenn dann ein Arbeitskollege einen Smiley zu viel geschickt hat, reagieren viele Partner eifersüchtig. Manche schicken auch Test-Nachrichten von gefälschten Online-Profilen, um zu schauen, wie die Partnerin auf Flirtversuche reagiert.

 

Was raten Sie Frauen, die von solchen Erlebnissen erzählen?

Wenn es in Beratungsgesprächen um das Thema Handy geht, ist das immer nur ein Puzzleteil. Wenn das Smartphone oder Online-Dienste kontrolliert werden, ist das ein Symptom, dass in der Beziehung grundsätzlich etwas nicht stimmt.

Wenn durch Chat-Nachrichten Eifersucht entsteht, dann passiert das auch auf anderen Ebenen: zum Beispiel, wenn ein Kellner im Café die Partnerin zu lange anlächelt. Eine Frau, die eine solche Beziehung führt, sollte sich zunächst darüber klar werden, was für sie in Ordnung ist und was nicht. Im zweiten Schritt sollte sie mit ihrem Partner darüber reden.

Diplom-Psychologin Stefanie Pfingst arbeitet in der Fachberatungsstelle Frauennetzwerk-Pinneberg bei Hamburg.

 

Eifersucht in der Partnerschaft nutzen Hersteller von Spionage-Apps aus. Hatten Sie in der Beratung schon mit Überwachungssoftware zu tun?

Es kommt immer wieder vor, dass Frauen sich nach Trennungen einfach nicht erklären konnten, woher ihr Ex-Partner so viel über sie weiß. Einmal wurde unter dem Auto einer Ratsuchenden in der Werkstatt ein GPS-Tracker gefunden.

Meistens können wir aber nicht klären, wie genau jemand ausspioniert wird. Neben Spionage-Apps gibt es ja noch andere Wege, viel zu erfahren. Zum Beispiel über E-Mail-Postfächer, deren Passwörter leicht zu erraten sind oder geteilte Cloud-Dienste, die mit Handys verknüpft sind – so lässt sich zum Beispiel der Standort bestimmen. Viele Frauen fallen aus allen Wolken, wenn ich solche Möglichkeiten anspreche. Kaum jemand hat das auf dem Schirm.

 

Wie, denken Sie, kann es in Liebesbeziehungen überhaupt zu Überwachung kommen?

Natürlich ist jede Beziehung anders und durch meine Arbeit erlebe ich hauptsächlich die Perspektive von Frauen. Ich habe aber im Laufe der Jahre beobachtet, dass ein großes Problem die Klischees sind, die mit Geschlechterrollen verbunden werden. Männer und Frauen versuchen häufig, sich wie typische Männer und typische Frauen zu verhalten. Die Geschlechterrollen werden ja immer noch sehr stark medial inszeniert.

 

Wie kann das aussehen?

Nicht selten ist der Mann der Starke, der in der Beziehung die Richtung vorgibt, und die Frau diejenige, die sich eher anpasst. Daraus entsteht ein Ungleichgewicht, in dem der Mann sehr viel Kontrolle übernimmt. Von dort aus ist es manchmal nicht mehr weit bis zur Überwachung der Partnerin.

 

"Grenzen zu setzen, um die eigene Privatsphäre zu schützen, finde ich immer richtig und sinnvoll."

 

Das klingt kaum nach 2019, eher nach den Fünfzigern.

Natürlich sind diese Rollenklischees oberflächlich und in Deutschland gesellschaftlich längst überholt. Jeder und jede darf heute alles sein, was er oder sie will. Trotzdem orientieren sich viele noch stark daran.

Das sind meistens Personen, die sich unsicher sind, wer sie eigentlich sind oder sein wollen. Irgendwann merken sie, dass ihnen diese Rollen gar nicht entsprechen – dann sind daraus in der Partnerschaft häufig schon Konflikte entstanden.

Wenn Paare sich bewusst für klassische Rollen entscheiden, kann das auch vollkommen in Ordnung sein. Voraussetzung ist, dass beide wissen, was sie tun und Grenzen wahrnehmen, selbst setzen und beim anderen respektieren können.

 

Angenommen, mein Partner ist es gewöhnt, dass er mein Handy genauso nutzen kann wie sein eigenes. Ich möchte das nicht mehr, es gibt Streit. Und jetzt?

Grenzen zu setzen, um die eigene Privatsphäre zu schützen, finde ich immer richtig und sinnvoll. Besprechen Sie das Problem mit Ihrem Partner: Sagen Sie ihm, dass Sie ein schlechtes Gefühl dabei haben, wenn irgendjemand – egal wer – Zugang zu all Ihren privaten Daten und Nachrichten hat. Das sollte in einer Liebesbeziehung möglich sein.

 

Das klingt, als wäre das nicht immer möglich?

Wenn ich so etwas in Beratungen vorschlage, sagen Frauen mir manchmal: Das kann ich nicht machen! Die Konfrontation ist für viele schwierig. Und ja: Es kann sein, dass Grenzen als Provokation oder Ablehnung verstanden werden.

In einer gesunden Beziehung kommt man aber nicht darum herum, genau zu klären: Was ist meins, was ist deins? An welchen Teilen deines Lebens kann ich teilnehmen, an welchen nicht? Wenn das nicht offen diskutiert werden kann, haben Beziehungen nach meiner Erfahrung eher keine gute Perspektive.

 

"Wir helfen auch, Trennungen vorzubereiten."

 

Was raten Sie Frauen, die in ihrer Beziehung Gewalt erlebt haben und sich trennen möchten?

Partnerschaftsgewalt findet in der Regel im stillen Kämmerlein statt – niemand bekommt etwas davon mit. Deshalb ist ein erster guter Schritt, die Situation zu öffnen und Vertrauenspersonen zu finden, die zuhören und unterstützen.

Es ist für viele Betroffene hilfreich, eine neutrale Außenperspektive zu bekommen. Das kann im ersten Schritt das Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen sein, auch Frauenberatungsstellen bieten unkompliziert Sprechstunden an. Wir helfen auch, Trennungen vorzubereiten.

 

Sollten Frauen auch in so einer Situation Grenzen setzen und zum Beispiel ihr Handy absichern?

Manchmal geht es darum, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Vielleicht soll der gewalttätige Partner nicht merken, dass eine Frau die Trennung vorbereitet. Dann wäre die Nutzung eines Zweithandys sicherer, von dem der Partner nichts weiß. Um mit Vertrauenspersonen in Kontakt zu bleiben, reicht schon ein günstiges Prepaid-Handy.

 

Wie bekommen Frauen einen Termin in einer Beratungsstelle in ihrer Nähe?

Beratungsstellen vor Ort können Frauen über die Internetseite frauen-gegen-gewalt.de oder das Bundeshilfetelefon für Frauen finden. Frauenberatungsstellen sind bundesweit organisiert, meist als kleine gemeinnützige Vereine. Beratungstermine werden normalerweise telefonisch vereinbart, oder es gibt offene Sprechzeiten, das muss im jeweiligen Fall vor Ort geklärt werden. Wer vorher anruft und einen Termin vereinbart, hat die Garantie, dass eine Beraterin auch genug Zeit hat.

 

Sie sind seit 15 Jahren in der Frauenberatung tätig. Wie hat sich Ihre Arbeit entwickelt?

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich wahnsinnig viel getan. Es ist ein toller Erfolg, dass es inzwischen in ganz Deutschland Beratungsstellen gibt, die Frauen in Fällen von Partnerschaftsgewalt unterstützen. Oft sind wir die erste Anlaufstelle, bevor jemand zur Polizei oder ins Frauenhaus geht.

Dabei sind wir leider chronisch unterfinanziert und bräuchten viel mehr Personal. Gleichzeitig gäbe es für uns noch mehr Aufgaben. Wir würden zum Beispiel gerne Multiplikatoren ausbilden, die ebenfalls beraten – etwa Lehrerinnen, Pädagogen und Personen in Ämtern. Mit mehr Geld und Beraterinnen wäre noch viel mehr möglich.

 

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Inga Pöting

Inga Pöting ist Redakteurin bei mobilsicher.de. Sie schreibt Texte, kümmert sich um die Webseite und erklärt Apps und Smartphone-Funktionen vor der Kamera. Davor hat sie im Ruhrgebiet bei verschiedenen Zeitungen und Magazinen gearbeitet.

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