Ratgeber

Frankreich und iFixit: Schulnoten für die Reparierbarkeit

Ein Artikel von , veröffentlicht am 14.03.2024
Foto: Holly Stratton

In Frankreich gibt es für alle Handys eine Note für die Reparierbarkeit. Wir finden: Das ist eine super Sache. Was ist der Unterschied zu iFixit?

Ihr wollt wissen, ob euer Handy sich leicht reparieren lässt? Bis vor wenigen Jahren konnte man sich da nur auf die Arbeit von iFixit (unten mehr dazu) oder vereinzelte Testberichte verlassen.

Ein richtiges Register, in dem die Reparierbarkeit von jedem Gerät verzeichnet ist, gibt es weder in Deutschland noch auf EU-Ebene - obwohl das schon lange gefordert wird.

Frankreich ist 2021 schließlich vorangegangen und zwingt Hersteller seitdem gesetzlich zu vollständigen Angaben in Sachen Werkstattfreundlichkeit.

Wie wird die französische Reparierbarkeits-Note berechnet?

Um die französische Note zu berechnen, muss der Hersteller ein Tabellendokument ausfüllen. Das rechnet automatisch die Punktzahl aus. Die bestmögliche Note ist dabei eine zehn. Diese Kriterien werden dabei abgefragt:

  1. Findet man Anleitungen fürs Reparieren?
  2. Ist das Handy einfach auseinander zu bauen?
  3. Kommt man überhaupt an Ersatzteile und wie schnell?
  4. Wie teuer sind die Teile?
  5. Andere Kriterien, etwa die Kundendienst-Kontaktwege und Updates

Das ist vom Ansatz her genau richtig. Denn es sind im Wesentlichen diese Punkte, die eine Reparatur verhindern oder eben nicht.

Eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Kriterien und wie viele Punkte sie jeweils bringen, gibt es hier beim Runden Tisch Reparatur.

Im Detail kritisiert der Runde Tisch, dass nicht alle Unterpunkte ideal aufeinander abgestimmt sind. Beispiel: Wenn es keine Ersatzteile mehr gibt, führt das nicht automatisch zu einem schlechten Score… Obwohl ja gilt: „Fehlen die Ersatzteile, ist aber auch das beste Design nutzlos.“

Zu viele Bestnoten

In der Schule war es ja oft so, dass es ein paar gute, viele mittlere und ein paar schlechte Noten gab. Bei den Noten der Handys zeigt sich ein sehr breites oberes Mittelfeld.

Die besseren Geräte liegen im Bereich einer 8 von 10, die schwächeren bei einer 5 oder 6. Nur wenige bei liegen bei einer 4 oder darunter. Da könnte man natürlich sagen: Der Index ist nicht gut darin, die reparierfaulen Hersteller abzustrafen. Es erinnert ein wenig an die Zeiten vor der Reform der Energielabels für Kühlschränke, Waschmaschinen und so weiter: Bevor die Skala strenger wurde, bekamen fast alle Geräte ein A mit einem oder mehreren Plus-Zeichen.

Um wirklich unterscheiden zu können, wäre eine strengere Methodik besser. Einige der Punkte im unteren Bereich sind offenbar zu leicht zu ergattern.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Software-Updates werden nicht nach der Dauer unterschieden. Dabei macht es einen riesigen Unterschied für die Nutzbarkeit von Handys, ob sie lange Software-Aktualisierungen bekommen oder nicht. Mehr zum Thema Updates haben wir hier für euch.

Eine Übersicht aller Noten fehlt

Beim Verkauf muss die Note in Frankreich deutlich sichtbar sein. Sowohl im Ladengeschäft als auch beim Verkauf online. Es gibt aber keine annähernd vollständige Übersicht der Noten. Vergleichsweise groß ist die Datenbank von monindicereparabilité – aber auch hier fehlen neuere Geräte und viele Hersteller. Es ist nämlich eine Zusammenstellung, bei der nur einige Unternehmen teilnehmen. Apple, Samsung, Xiaomi und Google sind dabei, Fairphone beispielsweise nicht. Hier lohnt sich ein Blick nach Luxemburg: Bei der dortigen Post gibt es für viele neure Geräte die französische Note, ruft dazu einfach die Produktseite auf, etwa fürs Fairphone 4 und scrollt nach unten.

Wie wird die französische Note kontrolliert?

Die Hersteller sind selbst dafür verantwortlich, ihre Note auszurechnen. Sich selbst eine Note ausstellen, davon würde man bei Schulaufgaben träumen. Die Frage ist: Wird hier massiv gelogen? Darauf deuten unsere Informationen nicht hin.

Die französische NGO HOP hat sich die Scores genauer angeschaut und sie nachberechnet. Es ist zwar herausgekommen, dass die Hersteller sich selbst etwas zu gut berechnen (PDF, Seite 4). Die Ergebnisse der Reparier-NGO fallen aber nur um maximal circa 15 Prozent schlechter aus. Völlig daneben liegen die selbst berechneten Zahlen also nicht.

Trotzdem wäre es sinnvoll, wenn die Noten noch mal von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Was unterscheidet den französischen Index vom Score bei iFixit?

Das Unternehmen iFixit verkauft Werkzeuge für die Reparatur unter anderem von Smartphones. Es hat sich mit vielen toll geschriebenen Anleitungen einen guten Namen gemacht und engagiert sich politisch für bessere Reparierbarkeit. iFixit ist so etwas wie der Erfinder der Reparierbarkeits-Noten: Das Team zerlegte schon 2007 das erste iPhone und wies ihm eine Note zu: eine ganz schön schlechte, nämlich 2/10.

Der Score von iFixit ist mit dem Fokus auf Reparieren in Eigenregie entstanden. Beim französischen stehen eher Werkstätten im Fokus. Das bedeutet zum Beispiel einen großen Unterschied in Sachen Teilekopplung: Ihr erinnert euch vielleicht, dass Apple die Selbstreparatur in nervigster Weise einschränkt, indem man die Ersatzteile wie etwa Batterien und Displays offiziell freischalten muss.

Bei iFixit führt das zu deutlichen Abwertungen in der Reparaturnote. Im französischen Bewertungssystem nicht.

Verschiedene Versionen des iFixit-Score

Die Kriterien für Reparierbarkeit ändern sich mit der Zeit. iFixit kennzeichnet das mit Versionsnummern von 1.0 bis aktuell 1.7. Hier listet das Team die Anpassungen auf. Die Teilekopplung wird etwa erst seit der Version 1.5 berücksichtigt. Deshalb solltet ihr bei allen Reparierbarkeits-Noten von iFixit immer genau auf die Versionsnummer schauen. Ältere iPhones würden nach den aktuellen Kriterien etwa schlechter abschneiden, vor allem wegen der Teilekopplung. Die älteren Noten werden aber nicht aktualisiert.

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wieso sich andere Länder nicht ein Beispiel an Frankreich nehmen. Oder gar darüber hinausgehen.

Die EU plant zwar einen Score für Elektrogeräte, darunter auch Handys. Er bleibt aber hinter dem zurück, was es in Frankreich schon gibt. Es soll zwar eine leicht verständliche Note geben. Die wird aber wichtige Punkte wie etwa die Preise der Ersatzteile nicht berücksichtigen.

Umso schöner wäre es, wenn man möglichst viele der französischen Scores auch in Deutschland nutzen könnte. Solange es keine Sammlung aller Noten gibt, ist das schwierig. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wir bleiben dran!

 

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Jonas Bickelmann

Leitet die Redaktion von mobilsicher. Er studierte Philosophie, machte ein Volontariat bei einer Berliner Tageszeitung und schreibt nicht nur gerne über grünere Smartphones, sondern als freier Autor auch über Reisen und Kultur.

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