Hintergrund

Fünf Irrtümer über Seltene Erden in Handys

Ein Artikel von , veröffentlicht am 12.09.2023
Neodym in festem Zustand. Foto: RHJ

Neodym, Praseodym und ihre Verwandten sorgen oft für Verwirrung. Fängt schon damit an, dass die Seltenen Erden nicht selten sind.

1 – Seltene Erden sind nicht selten

Immer wieder wird erzählt, dass es Probleme bei der Versorgung mit Seltenen Erden geben könne und dass dann vielleicht keine Handys mehr gebaut werden können. So selten sind sie aber gar nicht. Manche von den insgesamt 17 Elementen sind sogar häufiger zu finden als Blei. Seltenerdmetalle kommen fast überall auf der Welt vor. Meistens aber nur in kleinen Mengen. In höherer Konzentration gibt es die Metalle der Seltenen Erden in China. Und dort werden sie auch abgebaut. Deshalb hat China die Kontrolle über die Stoffe und nutzt das auch aus. Die Angst vor Versorgungsproblemen hat also mehr mit internationalen Machtspielen zu tun als mit Seltenheit.

 

2 – „Seltene Erden“ ist schon als Name falsch

Denn das ist nur eine Art Abkürzung für „Metalle der Seltenen Erden“. Neodym und Co sind nämlich keine Erden, sondern Metalle. Und die Art von Untergrund, in dem man sie gut abbauen kann, ist eben selten. Wir sollten deshalb besser von Seltenerdmetallen sprechen (SEM).

 

3 – Seltenerdmetalle braucht man für Handys nur in winzigen Mengen

Experimente haben gezeigt, dass sich in Handys weniger als 0,1 Gramm Seltenerdmetalle befinden, im Durchschnitt waren es 0,082 Gramm. Das wäre immerhin etwas mehr als Gold, das sich ebenfalls in winzigen Mengen im Handy befindet.

Neodym, Praseodym und Dysprosium kommen in viel größeren Mengen in Windkraftanlagen vor. Berichte nennen Zahlen im Bereich von hundert Kilo bis zu mehreren Tonnen. Auch in einem typischen Elektroauto brauchen die Hersteller um ein Kilogramm Seltenerdmetalle.

Allerdings kann man beide auch ohne diese Stoffe bauen. Weil es in beiden keinen so großen Platzmangel gibt, geht es auch mit anderen Stoffen. Es wäre also falsch zu behaupten, dass man ohne SEM keine Energiewende schafft. Ohne sie wird es aber keine Handys geben, wie wir sie heute kennen.

Das heißt auch: Um die Menge an SEM zu erhalten, die man für ein E-Auto braucht, müsste man ein paar tausend Handys recyceln. Um die hunderttausend Handys sind es für die Menge, die ein Windrad benötigt. Weil die Gewichtsangaben stark voneinander abweichen, muss man diese Rechnung als Annäherung begreifen.

 

4 – Seltenerdmetalle sind nicht alle wichtig

Von den 17 Metallen sind besonders vier für die Elektroindustrie wichtig: Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium. Davon sind die beiden letzten die schwerer zu findenden. Man braucht sie vor allem für heiße Umgebungen wie etwa Autos. In Handys kommt man mit Neodym und Praseodym klar. Die sind vor allem in den Magneten in Lautsprechern oder dem Vibrationsmotor zu finden. Sie sind für starke und gleichzeitig kleine Magneten nötig. Man kann sich Seltenerdmetalle als Magnet-Booster vorstellen. Sie machen die nämlich stärker und haltbarer. In der Elektronik ist das die zentrale Anwendung. Daneben gibt es auch noch andere Zwecke, denen SEM dienen, Auto-Katalysatoren zum Beispiel.

 

5 – Seltenerdmetalle kann man gut recyclen, aber es lohnt sich nicht

Um die SEM aus dem Schrott zu lösen, kann man Säuren und Ultraschall verwenden. Das Verfahren ist effektiv. Forschungsergebnisse haben außerdem gezeigt, dass man Seltenerdmetalle aus Kohlestaub gewinnen könnte. Davon gibt es eine Menge. Die Technik funktioniert auch bei zu Staub zermahlenen alten Handys.

Trotzdem passiert das bis heute nur sehr selten. Das hat damit zu tun, dass es sich für die Industrie nicht lohnt. Solange es billige Seltenerdmetalle vor allem aus chinesischer Produktion gibt, braucht man sie nicht aus alten Handys zu holen – das ist zumindest die Logik des Geschäfts.

Das Recycling von Seltenerdmetallen ist dabei besonders vorteilhaft für die Umwelt. Es spart CO2 und schont das Wasser vor Verschmutzung. Das gilt auch für viele andere Rohstoffe – der Effekt ist bei den SEM aber noch größer. Pro Tonne der Metalle fallen um die 2000 Tonnen Giftabfälle an.

Übrigens wirbt Fairphone damit, dass im neuen Modell 5 recycelte SEM eingesetzt werden. Wo die genau herkommen, hat uns das Unternehmen aber auf Nachfrage nicht gesagt.

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Jonas Bickelmann

Leitet die Redaktion von mobilsicher. Er studierte Philosophie, machte ein Volontariat bei einer Berliner Tageszeitung und schreibt nicht nur gerne über grünere Smartphones, sondern als freier Autor auch über Reisen und Kultur.

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