Kinder und Jugendliche

Was ist Handysucht?

Ein Artikel von , veröffentlicht am 02.06.2017, bearbeitet am11.02.2020

Ab wann beginnt Handysucht und wann handelt es sich nur um Stress? Gerade bei Jugendlichen ist das oft schwer einzuschätzen. Wichtig ist: Es kommt nicht auf die Nutzungsdauer an, sondern vor allem darauf, ob man die Kontrolle über das eigene Verhalten hat.

Handysucht und Handystress

Das Smartphone bietet viele Möglichkeiten, das eigene Kommunikationsbedürfnis zu befriedigen. Das kann jedoch schnell von Genuss in Zerstreutheit, Konzentrationsschwäche und sogar in Sucht umschlagen. Die ständige Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken und Messengern kann zu Angst und sozialem Stress führen.

So berichten viele Jugendliche von der Angst, etwas zu verpassen oder von den Altersgenossen ausgeschlossen zu werden, wenn sie nicht immer online sind und auf Nachrichten nicht sofort antworten. Mit Aufklärung und etwas Selbstdisziplin lässt sich das Problem meist in den Griff bekommen.

Anders sieht das bei einer echten Sucht aus. Hier setzt sowohl die Behandlung als auch die Prävention an ganz anderen Punkten an. Aber wann beginnt eine Sucht und in welchen Fällen handelt es sich nur um Stress? Gerade bei Jugendlichen ist das oft schwer einzuschätzen.

Wichtig ist: Es kommt dabei nicht auf die reine Nutzungsdauer an, sondern auch darauf, ob der oder die Betroffene noch die Kontrolle über das eigene Verhalten hat.

Gibt es Handysucht überhaupt?

Eine Handysucht in dem Sinne gibt es nicht, da Betroffene nicht nach einem bestimmten Gerät süchtig werden, sondern nach einer Aktivität. Bei Smartphones handelt es sich dabei in der Regel um Aktivitäten, die zum Formenkreis der Internetsucht gehören.

Das Wort Internetsucht ist keine klinische Diagnose, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene suchtartig genutzte Anwendungen, die im Internet stattfinden. Im Groben zeichnen sich dabei die Kategorien ab:

  • Spielen (Gaming).
  • soziale Netzwerke, vor allem Facebook,
  • Kommunikation (Messenger, SMS, Foren),
  • Pornokonsum (Videos und Bilder),
  • Cybersex,
  • Online-Shopping.

Weitere Kategorien könnten dazukommen oder schon vorhandene noch genauer definiert werden. Wenn im Folgenden von Internetsucht die Rede ist, sind alle Unterformen gemeint.

Das klinische Klassifikationssystem DSM wird vom US-amerikanischen Fachverband „American Psychiatric Association“ herausgegeben und gilt auch in Deutschland als Standardwerk für die Diagnose mentaler Erkrankungen. Aktuell ist die fünfte Auflage, DSM-5.

Darin gibt es erstmals Diagnosekriterien für die „internetbezogene Spielesucht“, also die Kategorie „Gaming“. Auch das klinische Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitsorganisation WHO listet in der 11. Auflage (verabschiedet im Mai 2019) erstmals diese Diagnose.

Spielen oder nicht spielen

Für andere Internet-Aktivitäten, wie etwa Chatten oder Pornografiekonsum, gibt es noch keine Diagnosekriterien, da hierfür noch Daten fehlen. Fachleute gehen aber davon aus, dass dies noch kommen wird. Bislang werden Betroffene bei diesen Aktivitäten daher mit Hilfsdiagnosen wie „Abnorme Gewohnheiten“ oder „Störung der Impulskontrolle“ erfasst.

Erste Studien zu dem Thema geben Hinweise darauf, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen spielebezogenem und nicht spielebezogenem Internetgebrauch gibt. So sind von spielebezogener Internetsucht überwiegend Jungen und Männer betroffen (Wartberg et. al. 2017). Bei den anderen Anwendungen sind Mädchen und Frauen etwas stärker betroffen.

Die Betroffenen sind bei der spielebezogenen Internetsucht offenbar stärker in ihrem Alltag beeinträchtigt und landen eher in der Klinik. Die Sucht scheint insgesamt schwerer zu verlaufen.

Wann spricht man von Sucht?

Ab wann man von einer Sucht im medizinischen Sinne spricht, kommt ganz auf die Art des „Suchtmittels“ an. Für die Sucht nach Substanzen, zum Beispiel Alkohol, gibt es schon lange konkrete Kriterien, die für die Diagnose erfüllt sein müssen.

Die anerkannten Diagnosekriterien (nach DSM-5) für die internetbezogene Spielesucht sind denen der substanzbezogenen Sucht sehr ähnlich. Danach liegt eine Sucht dann vor, wenn mindestens fünf von diesen neun Kriterien über einen Zeitraum von zwölf Monaten erfüllt sind:

  • Gedankliche Vereinnahmung: Betroffene beschäftigen sich in Gedanken ständig mit dem Spiel und haben ein starkes Verlangen danach weiterzuspielen.
  • Entzugssymptome: Betroffene sind zum Beispiel nervös oder gereizt, wenn sie nicht spielen können.
  • Toleranzentwicklung: Sie müssen immer mehr Zeit mit dem Spiel verbringen, um die gleiche Befriedigung zu erreichen.
  • Kontrollverlust: Sie versuchen ohne Erfolg, mit dem Spielen aufzuhören.
  • Verhaltensbezogene Einengung: Sie haben keinen Spaß mehr an anderen Aktivitäten oder Hobbys.
  • Obwohl sie wissen, dass sich das Spielen negativ auf ihren Job oder die Schule auswirkt, können Betroffene nicht aufhören.
  • Verschleiern des wahren Ausmaßes der Aktivität: Sie täuschen nahestehende Personen darüber, wie oft und wie lange sie spielen.
  • Emotionsregulation: Sie benutzen das Spiel, um negative Gefühle abzubauen oder zu lindern.
  • Vernachlässigung wichtiger Lebensbereiche: Sie gefährden oder verlieren wichtige Bekanntschaften, den Beruf, die schulische Laufbahn.

Für viele überraschend: Wie lange jemand spielt – Stunden oder Tage –, spielt bei der Diagnose nicht die zentrale Rolle.

Wichtige Warnsignale bei Internetsucht

Drei Merkmale sind besonders stark mit einer ausgeprägten Internetsucht verbunden:

Verhaltensbezogene Einengung: Kein Interesse an anderen Aktivitäten und Hobbys.

Entzugserscheinungen: Nervosität oder Ängstlichkeit bei Nicht-Nutzung.

Toleranzentwicklung: Nutzung nimmt in Dauer und Intensität zu.

 

Wer ist gefährdet?

Es gibt verschiedene Merkmale, die bei Personen mit Internetsucht besonders häufig vorkommen. Sie gelten als Risikofaktoren für die Erkrankung:

  • impulsive Persönlichkeit,
  • geringes Selbstwertgefühl,
  • weniger Gewissenhaftigkeit,
  • stärkere Empfindung von Einsamkeit und von geringer sozialer Unterstützung,
  • mehr Misstrauen gegenüber Mitmenschen,
  • hohe Stressempfindlichkeit,
  • ungünstige Bindungserfahrung in der frühen Kindheit.

Internetsucht: Zahlen und Fakten

Eine belastbare Trendabschätzung ermöglicht die Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), da hier zwei Messpunkte erhoben wurden, einmal im Jahr 2011 und einmal 2015. Darin wurden 5.000 und 7.000 Personen im Alter von 12-25 Jahren deutschlandweit nach ihrer Internet-Nutzung nach CIUS befragt.

CIUS (Compulsive Internet User Scale) ist eines von zwei anerkannten und gut erforschten Messverfahren: Es besteht aus einem Fragebogen zum Erfassen von suchtartigem Internetgebrauch insgesamt und basiert auf den oben genannten neun Kriterien. Das zweite Verfahren, die SMD-Skala (Social Media Disorder Scale) basiert ebenfalls auf einem Fragebogen und erfasst den suchtartigen Social-Media-Gebrauch.

 

Anteil der exzessiven Internetnutzer (mehr als 30 Punkte nach CIUS) 2011:

3,3 % der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren.

2,1 % der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren.

 

Anteil der exzessiven Internetnutzer (mehr als 30 Punkte nach CIUS) 2015:

5,8 % der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren.

2,8 % der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren

 

In dieser Studie wurde nicht unterschieden zwischen spielebezogenen Internetanwendungen und anderen Anwendungen. In der Gruppe der zwölf bis 17-Jährigen sind Mädchen stärker betroffen, ansonsten ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen.

Eine Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes und Jugendalters (DZSKJ) von 2016 erfasste ausschließlich die exzessive Nutzung von spielebezogenen Internetanwendungen. Befragt wurden 1.531 Jugendliche von 12 bis 25 Jahren.

 

Anteil der exzessiven Nutzer von spielebezogenen Internetanwendungen 2016:

8,4 % der Jungen/Männer zwischen 12 und 25 Jahren

2,9 % der Mädchen/Frauen zwischen 12 und 25 Jahren

Vorbeugen und behandeln

Wissenschaftlich erprobte Vorbeugemaßnamen setzen an den Risikofaktoren an (siehe Kasten „Sucht: Wer ist gefährdet?“). Bei der Internetsucht würden Psychologen mit Betroffenen zum Beispiel trainieren, mit negativen Gefühlen besser umzugehen oder die Angst vor Mitmenschen abzubauen.

Diese Faktoren kann man mit Methoden aus der kognitiven Verhaltenspsychologie positiv verändern. Die Erfahrung aus anderen Suchtstörungen zeigt, dass reine Aufklärungsmaßnahmen im Sinne von Informationsvermittlung zwar wichtig, aber zur Vorbeugung von Sucht wirkungslos sind.

Mit PROTECT (Professioneller Umgang mit technischen Medien) haben Wissenschaftler der pädagogischen Hochschule erstmals ein Präventionsprogramm gegen Internetsucht für Jugendliche entwickelt, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Die Wirksamkeit konnte in einer Studie (2015 bis 2018) nachgewiesen werden.

Das Konzept richtet sich an Schulen. Dort sollen besonders gefährdete Jugendliche erkannt und im Vorfeld gestärkt werden. Derzeit bietet die Hopp Foundation kostenlose Fortbildungen für Pädagog*innen an, damit diese das Programm selber an Ihren Schulen durchführen können.

Für Betroffene empfehlen Fachleute, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen. Geeignete Anlaufstellen sind zum Beispiel die Suchtberatungsstellen. Auch Erziehungsberatungsstellen und Psycholog*innen können Hilfe leisten.

Tipps und Übungen

Die meisten Nutzer*innen werden nicht internetsüchtig. Trotzdem kann es Stress verursachen, wenn man rund um die Uhr mit dem Handy online und erreichbar ist. Dagegen können ganz einfache Maßnahmen helfen:

  • Feste Zeiten vereinbaren, an denen das Smartphone ausgeschaltet bleibt – zum Beispiel vor dem Schlafengehen oder beim Essen.
  • Online-Status und Lesebestätigungen in sozialen Netzwerken und Messengern ausschalten: Wenn niemand sehen kann, ob man online ist oder nicht, kann man sich mit einer Antwort auch mal Zeit lassen.
  • Nutzung protokollieren: Oft merkt man nicht, wie viel Zeit man am Smartphone verbringt. Es gibt inzwischen Apps, die das anschaulich mitschneiden. Für iPhones empfiehlt sich dafür „Bildschirmzeit“, eine Funktion, die das Betriebssystem schon mitbringt. Für Android gibt es dafür zahlreiche Apps, die mitschneiden. Vorsicht: Viele Apps dieser Art erfassen viele Nutzerdaten. Wir empfehlen zum Beispiel die App "App Usage Tracker" (verfügbar im Google Play-Store), bei der die Nutzungsdaten auf dem Gerät verbleiben.

Die Autorin

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Miriam Ruhenstroth

Projektleiterin. Miriam Ruhenstroth hat mobilsicher.de seit Beginn des Projektes begleitet – zuerst als freie Autorin, später als Redakteurin. Seit Januar 2017 leitet sie das Projekt. Davor arbeitete sie viele Jahre als freie Technik- und Wissenschaftsjournalistin.

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