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Was ist Handysucht?

Handysucht

Ab wann beginnt Handysucht, und wo handelt es sich nur um Stress? Gerade bei Jugendlichen ist das oft schwer einzuschätzen. Wichtig ist: Es kommt dabei nicht auf die Nutzungsdauer an, sondern vor allem darauf, ob man die Kontrolle über das eigene Verhalten hat.

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Spiele · Sucht
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Auf einen Blick

Handysucht und Handystress

Das Smartphone bietet viele Möglichkeiten, das eigene Kommunikationsbedürfnis zu befriedigen. Das kann jedoch schnell von Genuss in Zerstreutheit, Konzentrationsschwäche und sogar in Sucht umschlagen. Die ständige Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken und Messengern kann zu Angst und sozialem Stress führen.

So berichten viele Jugendliche von der Angst, etwas zu verpassen oder von den Altersgenossen ausgeschlossen zu werden, wenn sie nicht immer online sind
und auf Nachrichten nicht sofort antworten. Aufklärung,  und etwas Selbstdisziplin lässt sich das Problem meist in den Griff bekommen.

Anders sieht das bei einer echten Sucht aus. Hier setzt sowohl die Behandlung als auch die Prävention an ganz anderen Punkten an. Aber wann beginnt eine Sucht, und wo handelt es sich nur um Stress? Gerade bei Jugendlichen ist das oft schwer einzuschätzen. Wichtig ist: Es kommt dabei nicht auf die reine Nutzungsdauer an, sondern auch darauf, ob der oder die Betroffene noch die Kontrolle über das eigene Verhalten hat.

Gibt es Handysucht überhaupt?

Eine Handysucht in dem Sinne gibt es nicht, da Betroffene nicht nach einem bestimmten Gerät süchtig werden, sondern nach einer Aktivität. Bei Smartphones handelt es sich dabei in der Regel um Aktivitäten, die zum Formenkreis der Internetsucht gehören.

Das Wort Internetsucht ist keine klinische Diagnose, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene suchtartig genutzte Anwendungen, die im Internet stattfinden. Im Groben zeichnen sich dabei die Kategorien ab:

  • Spielen (Gaming)
  • Soziale Netzwerke, vor allem Facebook
  • Kommunikation (Messenger, SMS, Foren)
  • Pornokonsum (Videos und Bilder)
  • Cybersex
  • Online-Shopping

Weitere Kategorien könnten dazukommen oder schon vorhandene noch genauer definiert werden. Wenn im Folgenden von Internetsucht die Rede ist, sind alle Unterformen gemeint.

Das klinische Klassifikationssystem DSM-5 wird vom US-amerikanischen Fachverband „American Psychiatric Association“ herausgegeben und gilt auch in Deutschland als Standardwerk für die Diagnose mentaler Erkrankungen. Anerkannte klinische Diagnosekriterien nach DSM-5 gibt es bislang nur für die „internetbezogene Spielesucht“, also die Kategorie „Gaming“.

Dabei ist es egal, ob die Betroffenen auf Computer, Konsole oder Smartphone spielen. Für andere Internet-Aktivitäten, wie etwa Chatten oder Pornografiekonsum, gibt es noch keine Diagnosekriterien, da hierfür noch Daten fehlen. Fachleute gehen aber davon aus, dass dies noch kommen wird. Bislang werden Betroffene bei diesen Aktivitäten mit Hilfsdiagnosen wie „Abnorme Gewohnheiten“ oder „Störung der Impulskontrolle“ erfasst.

Spielen oder nicht spielen

Eine „Handysucht“ im strengen Sinne gibt also nicht, weil alle diese Tätigkeiten auf Smartphone oder Computer stattfinden können. Da aber soziale Netzwerke und Messenger vorwiegend auf Mobilgeräten genutzt werden, sind diese Varianten stark mit der Verbreitung und Nutzung von Smartphones assoziiert.

Erste Studien zu dem Thema geben Hinweise darauf, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen spielebezogenem und nicht spielebezogenem Internetgebrauch gibt. So sind von spielebezogener Internetsucht fast ausschließlich Jungen und Männer betroffen. Bei den anderen Anwendungen ist das Geschlechterverhältnis in etwa ausgeglichen.

Die Betroffenen sind bei der spielebezogenen Internetsucht offenbar stärker in ihrem Alltag beeinträchtigt und landen eher in der Klinik. Die Sucht scheint insgesamt schwerer zu verlaufen. So setzen Betroffene eher wichtige Lebensgrundlagen, wie zum Beispiel den Job, aufs Spiel.

Wann spricht man von Sucht?

Ab wann man von einer Sucht im medizinischen Sinne spricht, kommt ganz auf die Art des Suchtmittels an. Für die Sucht nach Substanzen, zum Beispiel  Alkohol, gibt es schon lange konkrete Kriterien, die für die Diagnose erfüllt sein müssen. Inzwischen gibt es solche anerkannten Diagnosekriterien (nach DSM-5) auch für die internetbezogene Spielesucht. Sie sind denen der substanzbezogenen Sucht sehr ähnlich.

Da viele Fachleute davon ausgehen, dass die Diagnose für die nicht spielebezogene Internetsucht ganz ähnlich aussehen werden, wollen wir sie hier vorstellen. Danach liegt eine internetbezogene Spielesucht dann vor, wenn fünf von diesen neun Kriterien über einen Zeitraum von zwölf Monaten erfüllt sind:

  • Gedankliche Vereinnahmung: Betroffene beschäftigen sich in Gedanken ständig mit dem Spiel und haben ein starkes Verlangen danach weiterzuspielen.
  • Entzugssymptome: Betroffene sind zum Beispiel nervös oder gereizt, wenn sie nicht spielen können.
  • Toleranzentwicklung: Sie müssen immer mehr Zeit mit dem Spiel verbringen, um die gleiche Befriedigung zu erreichen.
  • Kontrollverlust: Sie versuchen ohne Erfolg, mit dem Spielen aufzuhören.
  • Verhaltensbezogene Einengung: Sie haben keine Lust an anderen Aktivitäten oder Hobbys mehr.
  • Obwohl sie wissen, dass sich das Spielen negativ auf ihren Job oder die Schule auswirkt, können Betroffene nicht aufhören.
  • Täuschen über das wahre Ausmaß der Aktivität: Sie täuschen nahestehende Personen darüber, wie oft und wie lange sie spielen.
  • Emotionsregulation: Sie benutzen das Spiel, um negative Gefühle abzubauen oder zu lindern.
  • Vernachlässigung wichtiger Lebensbereiche: Sie gefährden oder verlieren wichtige Bekanntschaften, den Beruf, die schulische Karriere.

Für viele überraschend: Wie lange jemand spielt – Stunden oder Tage –, spielt bei der Diagnose keine zentrale Rolle. Es kommt also vor allem auf das „Wie“ an.

Wichtige Warnsignale

Drei dieser Merkmale sind besonders stark mit einer ausgeprägten Internetsucht verbunden. Hierbei sollten Sie aufmerksam werden:

  • Verhaltensbezogene Einengung: Kein Interesse an anderen Aktivitäten und Hobbys.
  • Entzugserscheinungen: Nervosität oder Ängstlichkeit bei Nicht-Nutzung.
  • Toleranzentwicklung: Nutzung nimmt in Dauer und Intensität zu.

Zahlen und Fakten

Die aktuellsten Zahlen zur Verbreitung von Internetabhängigkeit stammen von der PINTA und PINTA-DIARI-Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit an der Universität Lübeck von 2011 bis 2012 durchgeführt wurde. Darin wurden 15.000 Personen deutschlandweit befragt.

  • 1 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 64 Jahren leiden danach an Internetsucht nach DSM-5 Kriterien.
  • 2,4 Prozent sind es bei Jugendlichen zwischen 14 und 24.
  • Bei immerhin 36,6 Prozent aller Betroffenen handelte es sich um spielebezogene Aktivitäten.
  • Von den Spielern waren 90 Prozent männlich.
  • Bei den Anwendungen, bei denen es nicht um Spiele geht, sind tendenziell etwas mehr als 50 Prozent der Betroffenen Frauen.

Wer ist gefährdet?

Es gibt verschiedene Merkmale, die bei Personen mit Internetsucht besonders häufig vorkommen. Sie gelten als Risikofaktoren für die Erkrankung:

  • impulsive Persönlichkeit
  • geringes Selbstwertgefühl
  • weniger Gewissenhaftigkeit
  • stärkere Empfindung von Einsamkeit und von geringer sozialer Unterstützung
  • mehr Misstrauen gegenüber Mitmenschen
  • hohe Stressempfindlichkeit
  • ungünstige Bindungserfahrung in der frühen Kindheit

Vorbeugen und behandeln

Vorbeugen kann bei den verschiedenen Formen der Internetsucht sehr wirksam sein. Allerdings verwechseln viele Menschen oft Vorbeuge- und Aufklärungsmaßnahmen. Wissenschaftlich erprobte Vorbeugemaßnamen setzen an den Risikofaktoren an (siehe Kasten „Sucht: Wer ist gefährdet?“).

Bei der Internetsucht würden Psychologen mit Betroffenen zum Beispiel trainieren, mit negativen Gefühlen besser umzugehen oder die Angst vor Mitmenschen abzubauen. Diese Faktoren kann man mit Methoden aus der kognitiven Verhaltenspsychologie positiv verändern.

Die Erfahrung aus anderen Suchtstörungen zeigt, dass reine Aufklärungsmaßnahmen im Sinne von Informationsvermittlung zwar wichtig, aber zur Vorbeugung von Sucht wirkungslos sind. Vorbeugekonzepte gegen Internetsucht für Jugendliche, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, werden in Deutschland derzeit entwickelt.

Zum Beispiel arbeiten Wissenschaftler der pädagogischen Hochschule Heidelberg an einem Konzept für Schulen, mit dem besonders gefährdete Jugendliche im Vorfeld gestärkt werden sollen.

Für Betroffene empfehlen Fachleute, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen. Geeignete Anlaufstellen sind zum Beispiel die Suchtberatungsstellen. Auch Erziehungsberatungsstellen und Psychologen können Hilfe leisten.

Tipps und Übungen

Die meisten NutzerInnen werden nicht internetsüchtig. Trotzdem kann es Stress verursachen, wenn man rund um die Uhr mit dem Handy online und erreichbar ist. Dagegen können ganz einfache Maßnahmen helfen:

  • Feste Zeiten vereinbaren, an denen das Smartphone aus bleibt – zum Beispiel vor dem Schlafengehen oder beim Essen.
  • Online-Status in sozialen Netzwerken und Messengern ausschalten: Wenn keiner sehen kann, ob man online ist oder nicht, kann man sich mit einer Antwort auch mal Zeit lassen.
  • Nutzung protokollieren: Oft merkt man nicht, wie viel Zeit man am Smartphone verbringt. Es gibt inzwischen Apps, die das anschaulich mitschneiden. An der Universität Bonn haben Wissenschaftler zum Beispiel die App „Menthal“ entwickelt, mit der man seine Handy-Nutzung kontrollieren kann. Die Daten werden ausschließlich für die Forschung verwendet. Andere Apps dieser Art finanzieren sich oft dadurch, dass sie Nutzerdaten an Werbefirmen verkaufen.

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