Kinder und Jugendliche

Snapchat: Gelöscht ist nicht gleich gelöscht

Ein Artikel von , veröffentlicht am 02.02.2017, bearbeitet am24.07.2019
Foto: Pixabay, CC0

Snapchat ist gerade bei Jugendlichen sehr beliebt. Die Messenger-App verspricht, dass alle Nachrichten nach kurzer Zeit gelöscht werden. Kann Snapchat dieses Versprechen halten? Und welchen Bedingungen stimmt man bei der Nutzung automatisch zu?

Was ist Snapchat?

Snapchat ist eine Messenger-App, mit der man sich Nachrichten in Form von Bildern und kurzen Video-Clips zuschicken kann. Die meisten Nutzer*innen sind zwischen 13 und 24 Jahren alt. Laut Nutzungsbedingungen muss man mindestens 13 Jahre alt sein, um Snapchat zu verwenden.

Snapchat hat nach eigenen Angaben mehr als 200 Millionen aktive Nutzer*innen täglich (Stand Juli 2019). Die Firma wurde im September 2011 gegründet und legte seitdem ein rasantes Wachstum vor. 2016 änderte das Unternehmen aus Kalifornien seinen Namenvon Snapchat Inc. zu Snap Inc.

Seit Januar 2019 sind über Snapchat versendete Nachrichten Ende-zu-Ende-verschlüsselt.

Der Dienst verdient Geld durch spezielle Werbeformate: Firmen können gegen Bezahlung sogenannte "Discover-Channels" einrichten, Werbung in Form von "Stories" verbreiten oder eigene Foto-Filter anbieten.

Nachrichten verschwinden von selbst

Das Besondere an Snapchat ist, dass die Nachrichten nach kurzer Zeit vom Gerät des Empfängers verschwinden.

Private Nachrichten werden gelöscht, sobald beide Chattenden sie angesehen und den Chat verlassen haben. Es ist auch möglich, Nachrichten 24 Stunden aufzubewahren und sie erst danach verschwinden zu lassen. Nachrichten an Gruppenchats werden nach 24 Stunden gelöscht, auch wenn noch nicht alle Gruppenmitglieder sie angesehen haben.

Daneben gibt es sogenannte Storys, die 24 Stunden lang im eigenen Kanal sichtbar sind und innerhalb dieser Zeit beliebig oft angeschaut werden können.

Die Geschichten bestehen aus Videos, Bildern und Animationen, die untertitelt und bearbeitet werden können. Man kann festlegen, wer die Geschichten sehen kann: Von der ganzen Welt bis zu bestimmten Kontakten ist alles möglich.

Wirklich flüchtig oder nicht?

Nutzer*innen sollten sich nicht darauf verlassen, dass Snapchat-Nachrichten tatsächlich vernichtet sind und bleiben. Denn wenn die Nachrichten „verschwinden“, werden sie nicht gleich vom Gerät gelöscht.

Je nach Betriebssystem wird zunächst nur der Dateiname so verändert, dass der Foto-Manager einen sogenannten Snap nicht mehr als Foto erkennt. Mit etwas technischem Hintergrundwissen und zusätzlichen Apps lassen sich die Snaps aber wiederherstellen.

Außerdem ist es möglich, Snaps per Screenshot zu speichern. Der ursprüngliche Sender bekommt dann eine Benachrichtigung, dass der Empfänger eine Kopie gemacht hat. Es gibt zahlreiche Drittanbieter, die versprechen, dass man mit ihnen unbemerkt Screenshots von Snaps anfertigen kann.

Hier ist Vorsicht geboten: Im Oktober 2014 tauchten gehackte Fotos von Snapchat im Internet auf. Dabei waren nicht die Snapchat-Server gehackt worden, sondern ein Server von einem solchen Drittanbieter.

Die Bilder werden nicht nur auf dem Gerät, sondern auf den Servern von Snapchat in den USA gespeichert. Dort bleiben sie so lange, bis sie von den Nutzer*innen abgerufen werden oder die Anzeigedauer abgelaufen ist. Danach werden sie automatisch gelöscht. Wann genau welche Inhalte gelöscht werden, erklärt Snapchat auf seinen Support-Seiten.

Trotz der Flüchtigkeit gilt also auch bei Snapchat: Bevor man etwas versendet, sollte man sich ganz sicher sein, dass man damit leben kann, wenn dieses Bild – aus welchen Gründen auch immer – doch länger im Umlauf bleibt.

Prüfung von Snapchat: Betrug und Fehler

2014 geriet Snapchat ins Visier der amerikanischen Verbaucherschutzbehörde Federal Trade Commission. Die Behörde warf der Firma vor, Nutzer*innen zu täuschen und ihr Datenschutzversprechen zu brechen, indem sie anders mit Informationen und Snaps umging als erklärt.

Der Dienst habe sich ohne das Wissen oder das Einverständnis der iOS-App-Nutzer*innen mit Hilfe der Funktion "Freunde finden" Zugang zu Adressbuch- und Standortdaten verschafft. Auch habe Snapchat diese Funktion nicht richtig abgesichert, sodass Angreifer Zugang zu Telefonnummern und Namen von 4,6 Millionen Nutzer*innen gehabt hätten.

Die Behörde stellte bei der Prüfung des Dienstes auch grobe Fehler in Sachen Datensicherheit fest: Aus der App gelöschte Bilder und Videos blieben etwa im Dateisystem des Empfängergeräts gespeichert, wo sie problemlos ausgelesen oder auf einen Computer kopiert werden konnten.

Insgesamt wurde eine ganze Liste an Vorwürfen bestätigt. Zusätzlich zu den Auflagen, ihre Praxis zu ändern und mehr Transparenz zu schaffen, wurde 2014 ein unabhängiger Sachverständiger eingesetzt, der die App für die folgenden 20 Jahre kontrollieren soll.

SnapLion: Entwickelt zum Spionieren

Laut einer Recherche des US-Magazins Motherboard im Mai 2019 existiert bei Snapchat ein firmeninternes Tool namens "SnapLion". Es diene dem Unternehmen dazu, die missbräuchliche Nutzung der App zu unterbinden und Informationen über Nutzer*innen an Strafverfolgungsbehörden herauszugeben.

Laut Motherboard nutzen Mitarbeiter*innen von Snapchat dieses Tool, um selbst Nutzer*innendaten auszulesen. Wie genau diese missbräuchliche Nutzung ablief und welchen Zweck die Angestellten damit verfolgten, konnte Motherboard nicht klären.

Eine ähnliche Recherche zu Facebook im Frühjahr 2018 ergab, dass Angestellte ihren privilegierten Zugang zu Nutzer*innendaten ausnutzten, um ihren Ex-Beziehungen nachzuspionieren.

Filter und Gesichtserkennung

Beliebt ist Snapchat vor allem wegen der Spaßfilter, mit denen Nutzer*innen Bilder bearbeiten können. Diese Filter heißen bei Snapchat „Linsen“. Mit ihnen kann man Portraits animieren und zum Beispiel Regenbogen spucken lassen oder eine Hundezunge hinzufügen. Dafür scannt Snapchat das Gesicht und legt dann eine Schablone darüber.

Laut Snapchat handelt es sich dabei um Objekterkennung, nicht Gesichtserkennung. Das heißt: Die Linsen sollen zwar erkennen können, dass es sich um ein Gesicht handelt und wo zum Beispiel die Augen sind. Sie sollen aber kein bestimmtes Gesicht erkennen können, erklären die Snapchat-Hilfeseiten.

Aus einem Patent, das Snapchat 2016 laut dem Magazin Business Insider angemeldet hat, geht aber hervor, dass die Firma auch an Technologien zur Gesichtserkennung arbeitet. Ob und wann diese zum Einsatz kommt, ist noch nicht klar.

Snap Map: Sehen, wo Freunde sind

Im Juni 2017 führte Snapchat die Funktion Snap Map ein. Aktiviert man sie, kann man sehen, wo bestimmte Snaps gepostet werden. Wer die Funktion aktiviert, gelangt zu einem Konfigurationsmenü, in dem man festlegen kann, wer den eigenen Aufenthaltsort auf der "Snap Map"-Karte sieht. So kann man nur ausgewählten Freunden, allen, oder niemandem ("Ghost Mode") den eigenen Standort freigeben.

Was viele nicht wissen: Der Aufenthaltsort wird nicht nur dann übertragen, wenn man einen Snap postet, sondern jedesmal, wenn man die App öffnet. Freigeschaltete Kontakte können also immer sehen, wo man sich befindet, wenn die App läuft.

Hat man die App acht Stunden nicht geöffnet, verschwindet man laut Snapchat von der Karte.

Datenschutzerklärung: Erschreckend ehrlich

Die Datenschutzhinweise von Snapchat sind recht ausführlich, aber auch verständlich und auf Deutsch auf der Webseite des Unternehmens zu lesen.

Darin erklärt Snapchat, welche Daten das Unternehmen wofür sammelt und wie es sie weitergibt. Gerade weil die Erklärungen vorbildlich in verständlicher Sprache gehalten sind, ist die Lektüre erschreckend. Die Mitbewerber von Snapchat sind ähnlich datenhungrig, nur sind die Erklärungen häufig so schwammig gehalten, dass weniger klar ist, was passiert.

Snapchat sagt ganz klar: Das Unternehmen speichert einerseits alle Daten, die man selbst angibt und über den Dienst versendet („Daten, die du uns freiwillig gibst“). Dazu gehören auch Telefonnummer, E-Mail-Adresse und das Geburtsdatum; diese Informationen werden bei der Anmeldung abgefragt.

Bemerkenswert: Wer Inhalte in Live-Storys, lokalen Storys oder anderen Crowdsourcing-Inhalten sendet, gewährt Snap Inc. und deren Geschäftspartner*innen das Recht, diese Inhalte uneingeschränkt zu nutzen und zu verkaufen, und dabei auch den Namen der Nutzer*innen zu veröffentlichen. Natürlich speichert Snapchat auch Verbindungs- und Metadaten – also wer wann was an wen sendet, welche Snaps man ansieht und so weiter.

Zudem erhebt die App bestimmte Informationen über das Gerät, zum Beispiel, die Art des Geräts und des Betriebssystems. Sie liest auch die Telefonnummer aus und fragt nach Zugriff auf den Standort und die Kontaktdaten. Das kann man verweigern.

Bei iOS geht das unter Einstellungen → Snapchat, bei Android unter Einstellungen → Apps → Snapchat → Berechtigungen. Allerdings muss man dann die Kontakte von Hand eingeben.

Die Daten benutzt Snapchat, um die Services zu verbessern, zur Analyse der Nutzung, aber auch für personalisierte Werbung. Snapchat lässt sich das Recht einräumen, die Daten an Dritte weiterzugeben, etwa an Partnerunternehmen, Diensteanbieter und Händler, an Strafverfolgungsbehörden und Ähnliches.

Geschrieben von

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Valie Djordjevic

Valie Djordjevic ist Redakteurin bei mobilsicher.de. Sie arbeitet auch als Dozentin zu den Themen Schreiben, Internet, Urheberrecht. Sie ist Mitbegründerin und Redakteurin von iRights.info, einem Informationsportal zu Recht in der digitalen Welt. Seit sie 1995 selbst eine Modemkarte in ihren PC eingebaut hat, ist sie in verschiedenen Netzprojekten tätig. Bei Mobilsicher interessiert sie sich für iOS, Datenschutz und Trackingdienste.

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