Ratgeber

Reportage: Eine Woche ohne Google-Apps

Ein Artikel von , veröffentlicht am 17.09.2019
Foto: Stefanie Roenneke

Ein Alltag ohne Google Maps, die Google-Suche und den Play-Store – kann das gutgehen? Unsere Autorin hat für mobilsicher.de zehn Marktführer-Apps von ihrem Smartphone geworfen. Wie es ihr mit den datensparsamen Alternativen ging, erzählt sie hier.

mobilsicher.de testet regelmäßig Apps auf ihr Datensendeverhalten. Weil viele beliebte Apps echte Datenschleudern sind, haben sich alle Redaktionsmitglieder längst Alternativen für Messenger, Mail-App und Co. zugelegt. Doch wie gut funktionieren diese privatsphärefreundlichen Unbekannten für Neulinge? Um das herauszufinden, haben wir diesen Erfahrungsbericht beauftragt.

Ich habe ein Android-Handy. So wie gut 80 Prozent aller anderen Smartphone-Nutzer*innen. Aus Bequemlichkeit verwende ich normalerweise viele Apps, die darauf schon vorinstalliert sind: Die Kontakte und den Kalender von Google, Google Maps und Co. Wenn mal was fehlt, genügt ein Blick in den Play-Store.

Nun soll ich für mobilsicher.de eine Woche lang ohne Apps von Google und Facebook leben. Stattdessen gibt‘s zehn Alternativen. Ein Blick auf die Liste: Sieben Namen habe ich noch nie gehört. Nur der Browser Firefox, der Messenger Signal und die Suchmaschine StartPage sind mir ein Begriff.

Die anderen Alternativen machen mich dagegen erst einmal ziemlich skeptisch. Der App-Store F-Droid, die „Simple-Apps“ für Galerie, Kalender und Kontakte, FairEmail, der Navigator Magic Earth und FaceSlim zur Nutzung von Facebook... Ob die in Handhabe, Design und Funktion mit den Marktführern mithalten können?

„Lass es lieber sein, das ist kompliziert und umständlich!“, hätte meine innere Stimme noch letzte Woche gerufen. Zu Unrecht, wie sich im Laufe dieses Tests herausstellen wird.

Hinweis: Wenn es zu den genannten Apps und Themen Hintergrundtexte auf mobilsicher.de gibt, haben wir diese als Link hinterlegt.

Der App-Store: F-Droid statt Google Play

Die Simple-Apps, FairEmail und FaceSlim finde ich im verbaucherfreundlichen App-Store F-Droid, dessen Installation problemlos funktioniert. Damit ich Apps herunterladen kann, die nicht von Google Play kommen, muss ich in den Einstellungen die Installation aus „unbekannten Quellen“ erlauben.

Diesen Menüpunkt habe ich noch nie gesehen – macht aber nichts. Über die Suche lässt er sich leicht wiederfinden. Nach Verwendung schalte ich ihn wieder aus, sicher ist sicher.

Was mir bei F-Droid auffällt: Apps werden alphabetisch oder wahlweise nach Aktualität angezeigt. Es gibt kein Ranking oder Empfehlungen einer undurchsichtigen „Redaktion“, wie man das von Google kennt. Darüber hinaus werden „unerwünschte Merkmale“ hervorgehoben.

Beispielsweise heißt es zum Social-Media-Wrapper „FaceSlim“, dass diese App proprietäre Netzwerkdienste – ergo Facebook – bewirbt. Der Hinweis verlinkt zu einem Infotext auf f-droid.org. So erleichtert der Store die Entscheidung für oder gegen eine App.

Der Messenger: Signal statt WhatsApp

Eine der wichtigsten Apps auf einem Smartphone ist für viele der Messenger. WhatsApp hatte ich vor dem Test bereits Tschüss gesagt, aber keinen Ersatz installiert. Wer nutzt schon Alternativen?

Ich versuche es nun zunächst mit Wire und Threema, da ich diese Messenger komplett anonym nutzen kann – sogar ohne Telefonnummer. Nach dem Öffnen werden mir je nur zwei Kontakte aus meinem Adressbuch angezeigt. Ziemlich ernüchternd und irgendwie schade.

Nach der Installation des Messengers Signal dagegen bin ich überrascht: Ich erreiche elf Personen. Das ist im Vergleich zur Länge meiner Kontaktliste wenig, aber immerhin. Im Laufe der Woche kann ich weitere zwei Menschen überzeugen, Signal zu installieren. Ein weiterer Kontakt entscheidet sogar ohne meine Bemühung dafür. Der Kreis wird größer, was ich toll finde.

Signal bietet alles, was WhatsApp auch kann. Nach ein paar Tagen stelle ich fest: Medienhalte wie Fotos werden nicht automatisch in der Galerie auf meinem Smartphone gespeichert. Wenn ich ein Bild händisch im externen Speicher ablegen will, bekomme ich eine Warnmeldung anzeigt: Andere Apps können darauf zugreifen. Möchte ich das? Vielleicht nicht immer. In diesen Fällen lasse ich es sein.

Um zu überprüfen, ob meine Chats in einer Cloud landen, installiere ich Signal kurzzeitig auf einem alten Smartphone. Wären bei WhatsApp sämtliche Inhalte sofort wieder da, sehe ich bei Signal: nichts. Ich müsste vorher ein lokales Backup machen, um Daten auf ein anderes Gerät zu überspielen. Stört mich das am Anfang, sehe ich es später sportlich. Ich habe kapiert: Wenn es zu einfach ist, geht es auf Kosten meiner Daten.

Social Media: FaceSlim statt Facebook

Apropos Messenger: Der Facebook-Messenger ist mir persönlich nicht sehr wichtig, aber trotzdem manchmal notwendig. In der ganz normalen Facebook-App ist der Messenger nicht mit drin: Tippt man auf "Nachrichten", wird man in den App-Store zur Messenger-App geleitet. Augenrollend habe ich diese also vor einiger Zeit zusätzlich heruntergeladen.

Da ich aber gut und gerne auf dieses Doppel verzichten kann, ist FaceSlim nun eine willkommene Alternative. Diese App unterstützt sowohl die Facebook-Chronik als auch die Nachrichtenfunktion. FaceSlim ist ein so genannter Wrapper, also eine App, die sich um die Browser-Version von Facebook legt.

Einzel- und Gruppenkommunikation mit oder ohne Dateianhang funktionieren im Test tadellos und das Newsfeed entspricht der mobilen Facebook-Ansicht. Ich kann scrollen, liken, kommentieren, sharen bis zum Umfallen. Der Verzicht auf die beiden Original-Apps wird mir in Zukunft Speicherplatz sparen.

Die Mail-App: FairEmail statt Gmail

E-Mails empfange und versende ich statt mit Gmail mit der kostenlosen Version von FairEmail. Die Konto-Einrichtung ist auch hier kinderleicht. E-Mail-Adresse und Passwort eingegeben und los geht's. Der Zugriff auf meine Kontaktinformationen ist optional.

Die Synchronisation mit dem Server geht sehr schnell und das Lesen und Schreiben der E-Mails läuft problemlos. Nach ein paar Stunden habe ich mich an die App gewöhnt. Ich muss jedoch darauf achten, dass ich nicht aus Versehen eine E-Mail per Wischgeste lösche. Das passiert mir ein paar Mal und jagt mir einige Schweißtropfen auf die Stirn – bevor ich die E-Mail dann im Papierkorb-Ordner wiederfinde.

Ich habe leider Probleme, eine Einstellung zu finden, die es mir ermöglicht, einzelne E-Mails nur lokal von meinem Smartphone zu entfernen. Das wäre nützlich, damit ich sie später am Computer noch bearbeiten kann. Sofern ich dieses Problem in den Griff bekomme, würde ich FairEmail auch über diese Woche hinaus nutzen.

Der Browser: Firefox statt Chrome

Von der Kommunikation nun zum Surfen: Die Vollversion von Firefox finde ich leider nur im Play-Store. Bei F-Droid gibt’s die Lite-Version. Sobald ich in die Adresszeile tippe, bietet mir Firefox die Übersicht „Wichtige Seiten“, „Lesezeichen“ und „Chronik“ an.

Mir gefällt dieser gute Überblick zu meinen zurückliegenden Aktivitäten. Es nervt mich aber, dass unter „Wichtige Seiten“ Artikelempfehlungen des Lesezeichendienstes Pocket eingeblendet werden. Warum? Völlig unnötig.

Unter „Chronik“ werde ich daran erinnert, dass die besuchten Seiten bei der Verwendung „privater Tabs“ nicht gespeichert werden. Danke dafür – diese Funktion hätte ich sonst wieder vergessen. Daher werfe ich lieber sofort einen Blick auf meine Datenschutzeinstellungen, die ich auch ohne Sherlock-Holmes-Fähigkeiten schnell finde.

Ich nutze den Browser oft zum Lesen von Artikeln. Hier bewährt sich Firefox, da ich neben der Adresszeile in eine unaufgeregte Druckansicht wechseln kann. Das Speichern einer Seite als PDF ist ebenfalls möglich und die Funktion unter „Seite“ schnell gefunden.

Kurzum: Ich bin mit der App zufrieden und werde sie auf jeden Fall behalten. Warum habe ich sie mir eigentlich nicht schon viel früher installiert? Zumal ich Firefox am Computer längst nutze.

Die Suchmaschine: StartPage statt Google

Auch die Suchmaschine StartPage verwende ich seit einiger Zeit auf meinem Computer, um Google zu vermeiden. Eine solche Alternative auf meinem Smartphone zu nutzen, wäre mir ohne diesen Text nicht in den Sinn gekommen. Auf Empfehlung von mobilsicher.de installiere ich nicht die App, sondern baue StartPage als Standardsuchmaschine in meinen neuen Firefox-Browser ein.

Wie bei der Arbeit am Computer nehme ich bei meinen Anfragen die erschreckenden Auswirkungen der jahrzehntelangen Google-Nutzung wahr. Ich bin auf die Google-Farben geprägt – und dass bei vielen Suchanfragen über der Trefferliste „Schlagzeilen“, Kartentreffer und ein Auszug des Wikipedia-Eintrags erscheinen.

Doch um ehrlich zu sein: Bei StartPage wirkt die Reduktion auf die Suchergebnisse sowie auf die Kategorien „Web“, „Bilder“ und „Videos“ erfrischend ruhig. Nach ein paar Tagen mit der Such-Alternative wirkt Google regelrecht hysterisch auf mich. Ein weiterer Unterschied: Ich kann Seiten und Bilder in vielen Fällen anonym öffnen lassen. Das stärkt mein neues Bewusstsein für Datenschutz.

Es ist auch möglich, StartPage über die Suchleisten-App „Simple Search“ zu nutzen. Fühlt sich an wie Google, ist es aber nicht. Wie man Simple Search einrichtet, steht hier.

Die Navi-App: Magic Earth statt Google Maps

Navigations-Apps nutze ich nicht täglich. Ein Leben ohne sie ist aber auch für mich undenkbar. Bei Magic Earth füllt die Kartendarstellung fast mein ganzes Display aus, was mir gut gefällt. Das Suchfeld sowie das Menü am unteren Rand nehmen nur wenig Platz weg.

Per Klick auf den Pfeil rechts vom Suchfeld öffnet sich die Routenfunktion. Bei der Planung kann ich ohne unnötige Klicks Zwischenhalte eingeben – deutlich einfacher als bei Google. Als ich auf „Los“ tippe, startet die Route automatisch nach zehn Sekunden. Das irritiert mich und ich passe die Voreinstellung an.

Was ich super finde: Diverse Länderkarten stehen zum Download zur Verfügung. Dadurch könnte ich die App komplett offline einsetzen. Auf Reisen werde ich das ausprobieren.

Kalender, Galerie und Kontakte: Simple-Apps statt Google

Meine Alternativen zu den vorinstallierten Kalender-, Galerie- und Kontakte-Apps sind die sogenannten „Simple“-Apps. Diese stellen bei der Installation zum Glück überhaupt keine Fragen, ob ich mich irgendwo anmelden möchte. Die Apps haben keine Internet-Berechtigung, meine Daten bleiben also auf meinem Smartphone gespeichert und landen in keiner Cloud.

Bei Funktion und Anwendung kann ich nur mit der Schulter zucken: Sie erfüllen wie die vorinstallierten Apps ihren Zweck. In der Galerie fehlt mir persönlich die Möglichkeit, Fotos beim Bearbeiten gerade zu ziehen. Das ist schade.

Da diese Apps in den Grundeinstellungen alle orange gehalten sind, sieht das auf meinem Display nicht schön aus. Daher ändere ich die Icon-Farbe bei der Kontakt-App – das geht nämlich auch. Jetzt ist sie lila.

Fazit: Bewusst mit den eigenen Daten umgehen ist möglich

Dass es für viele Standard-Apps sehr gute Alternativen gibt, die ebenso praktisch und komfortabel sind wie die Marktführer, war mir vor dem Test nicht bewusst. Auffällig fand ich vor allem die bessere Transparenz rund um Daten und App-Berechtigungen.

Dass ich bei App-Alternativen aktiver über meine Daten bestimmen kann, hat zur Folge, dass ich mir auch mehr Gedanken mache. Das ist anfangs anstrengender, als Apps einfach nur herunterzuladen - es macht aber auch Spaß. Abwägen und Entscheiden heißt hier, nicht alles großen Unternehmen zu überlassen, sondern sich Stück für Stück die Macht zurückzuholen.

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