Ratgeber

Fairphone: Das bessere Smartphone?

Ein Artikel von , veröffentlicht am 30.10.2019
Pressefoto: Fairphone

Herkömmliche Smartphones werden unter gefährlichen Bedingungen für Mensch und Umwelt hergestellt. Die niederländische Fairphone BV versucht, möglichst nachhaltig zu produzieren. Mit dem Fairphone 3 willl sie jetzt auch ihr Update-Problem in den Griff bekommen.

Das ist das Fairphone

In einem modernen Smartphone sind bis zu 60 verschiedene Elemente verbaut (Quelle: Greenpeace, PDF). Viele davon werden unter gefährlichen Bedingungen für Mensch und Umwelt gewonnen. Ein Gegenentwurf ist das "Fairphone", das von der Fairphone BV mit Sitz in den Niederlanden produziert wird.

Die Fairphone BV beschreibt sich selbst als soziales Unternehmen mit dem Ziel, möglichst fair produzierte und nachhaltige Smartphones herzustellen. Die Arbeits- und Produktionsbedingungen von Smartphones sollen verbessert, beim Einkauf der Rohstoffe auf Umwelt und Menschenrechte geachtet werden. Zudem sollen die Smartphones möglichst lange in Gebrauch sein.

Das Unternehmen wurde 2013 von dem Designer und Elektroingenieur Bas van Abel gegründet. Seitdem hat die Fairphone BV drei Smartphone-Modelle auf den Markt gebracht.

Smartphones als Wegwerf-Geräte

Bei vielen Rohstoffen, die für die Produktion von Smartphones gebraucht werden, handelt es sich um sogenannte Konfliktmaterialien – Mineralien, durch deren Verkauf bewaffnete Konflikte finanziert werden. Zu den Metallen gehören vor allem Gold, Tantal und Wolfram aus der Demokratischen Republik Kongo und deren Nachbarländern.

Die Löhne in der Smartphone-Fertigung sind oft niedrig, die Arbeitsbedingungen menschenunwürdig. Das wurde im Zuge der Selbstmorde bei der taiwanesischen Firma Foxconn im Jahr 2010 weltweit publik. Foxconn ist einer der größten Fertigungsbetriebe für elektronische Produkte und produziert unter anderem für Apple, Google und Microsoft.

Der Hunger nach neuen Rohstoffen steigt auch durch die kurze Nutzungsdauer von Smartphones. Viele Geräte bekommen nicht einmal zwei Jahre lang Software-Updates. Sie erhalten also bald keine neuen Funktionen und Sicherheitspatches mehr, obwohl die Hardware noch völlig in Ordnung ist.

Dabei locken die Hersteller jährlich mit neuen Modellen. Aufgrund der immer kompakteren Bauweise sind die meisten Geräte kaum reparierbar. Durchschnittlich bleiben Smartphones daher weniger als zwei Jahre lang beim Erstnutzer.

Verwüstete Landstriche

  • In der Bayan-Obo-Mine bei Baotou in der autonomen Region Innere Mongolei in China werden beispielsweise Erze abgebaut, die für die Smartphoneproduktion gebraucht werden. Chemikalien und Abfälle aus die Aufbereitung der Erze werden in Baotou einfach in die Umwelt abgelassen.
  • Dadurch ist ein zehn Quadratmeter großer See aus schwarzer Schlacke entstanden. Der Damm um diese Absetzanlage ist 30 Meter hoch. Weitere Folgen sind kontaminiertes Gewässer und eine erhöhte Radioaktivität.
  • Quelle: Umweltbundesamt (PDF)

Der lange Weg zum fairen Smartphone

Die Fairphone BV verbaut in ihren Geräten möglichst fair gehandelte Rohstoffe, nutzt, wo möglich, recycelte Materialien und setzt sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei den Unternehmen vor Ort ein. Fairphones sind zudem auf Langlebigkeit ausgelegt.

Dennoch ist auch das aktuelle Modell nicht zu 100 Prozent fair produziert: Für alle benötigten Rohstoffe faire und umweltverträgliche Quellen zu finden, ist momentan schlicht unmöglich. Bei etlichen Materialien gibt es bislang noch keine akzeptablen Quellen oder die Lieferketten sind nicht vollständig bekannt. Daher hat sich der Hersteller zunächst die zehn wichtigsten Materialien vorgenommen und versucht, dafür akzeptable Lieferketten zu etablieren.

Top 10 der unfairen Mineralien

  • 2017 hat Fairphone zehn Metalle gelistet, bei denen Verbesserungen besonders wichtig sind:
    Zinn, Tantal, Wolfram, Gold, Kobalt, Kupfer, Gallium, Indium, Nickel und Metalle der seltenen Erden.
  • Quelle: fairphone.com (PDF)

Fairphone: Recycling und Müllvermeidung

Damit immer mehr recycelte Materialien in den Produktionszyklus einfließen können, unterhält die Fairphone BV ein eigenes Recyclingprogramm – Kund*innen können ihre alten Fairphone und Telefone anderer Hersteller zur Wiederverwertung einsenden und erhalten eine Gutschrift beim Kauf eines neuen Fairphones.

Das Fairphone wird außerdem ohne USB-Ladekabel, Ladegerät und Kopfhörer ausgeliefert – weil die meisten Nutzer*innen davon schon etliche besitzen. Dafür kommt es mit einem eigenen Reparatur-Set.

Das Alleinstellungsmerkmal des Fairphones ist der modulare Aufbau, wodurch das Smartphone reparabel und somit länger im Einsatz bleiben soll. Das im September 2019 vorgestellte Fairphone 3 hat insgesamt sieben Module, die sich nach einem Defekt oder durch eine bessere Version austauschen lassen. Dazu gehören: Lautsprecher, Unterseite mit USB-Buchse, Oberseite, Kameramodul, Displaymodul, Gehäuserückseite und Akku.

Sind langlebige Smartphones möglich?

In Sachen Langlebigkeit wurde die Fairphone BV von der rasanten Entwicklung in der Tech-Industrie überholt: Im Juli 2017 beendete das Unternehmen die Unterstützung für das Fairphone First Edition (2013) – gerade mal vier Jahre nach dem Erscheinen. Es gab kein Software-Upgrade und keine Ersatzteile mehr.

Das Unternehmen begründete den Schritt mit der Tatsache, dass die Zulieferer die meisten Originalersatzteile für das Fairphone 1 aus dem Verkehr gezogen haben. Das anfängliche Ideal, ein einziges Smartphone zu entwickeln, das eine Langzeitunterstützung erhält, konnte die Firma nicht verwirklichen.

Beim Nachfolger, dem Fairphone 2, sieht es schon etwas besser aus. Zwar wurde im November 2018 das letzte Versions-Update auf Android 7.1.2 veröffentlicht, das Modell erhielt jedoch darüber hinaus alle drei Monate Sicherheitspatches. Das letzte wurde im August 2019 ausgeliefert (Stand November 2019).

Ob es noch ein Upgrade auf Android 8 geben soll, ist unklar. In einem Blog-Beitrag von Fairphone-Gründer Bas van Abel heißt es, dass der Prozessor des alten Gerätes mit einem Upgrade auf Android 8 möglicherweise überfordert wäre. Für das Fairphone 3, das mit Android 9 ausgeliefert wird, verspricht das Unternehmen eine technische Unterstützung für fünf Jahre. Das soll auch für Ersatzteile gelten.

Bemerkenswert: Mit Fairphone Open OS bieten die Hersteller auch ein eigenes, auf Android basierendes Betriebssystem an. Es ist quelloffen und kommt ohne Google-Apps aus. Eine Installationsanleitung ist auf Englisch auf der Unternehmens-Website verfügbar.

Für die Zukunft hat das Unternehmen bereits weitere Open Source-Projekte in Aussicht gestellt. Sie sollen auch Entwickler*innen aus der wachsenden Fairphone-Community Möglichkeiten zur Mitwirkung geben.

Überzeugt das Fairphone im Gebrauch?

Aufgrund des modularen Aufbaus sind die Fairphones größer und schwerer als gewöhnliche Smartphones, gelten aber als solide und brauchbar. Die ruckelige Performance des Prozessors kritisierte die Testplattform Chip bei den beiden ersten Modellen.

Die dritte Ausführung kommt eleganter gestaltet und technisch deutlich verbessert daher. Mit einer 12 MP Frontalkamera (8 MP Selfie-Kamera), zwei SIM-Kartenplätzen und einem 8-Kern Qualcomm-Snapdragon-Prozessor ist es allen gängigen Anforderungen an ein modernes Smartphone gewachsen.

Mit den Kamerasystemen der Flagship-Geräte der Konkurrenz allerdings kann es nicht mithalten und für aufwändige Spiele ist es nicht geeignet. Der mit 64 GB recht kleine Speicher ist per SD-Karte erweiterbar.

Wer sich für ein Fairphone entscheidet, investiert in ein gutes Gerät und nachhaltige Produktionsmethoden. Die Investition kann sich jedoch nicht jeder leisten: Mit 450 Euro ist das Fairphone 3 deutlich teurer als vergleichbar ausgestattete Geräte.

Erfolge bei nachhaltig geförderten Rohstoffen

  • Gold: Erste Mine mit Fairtrade-Zertifikat. Das Gold stammt aus der Fairtrade-zertifizierten Goldmine Sotrami im Süden Perus.
  • Kupfer: Im Fairphone 3 erstmals recyceltes Kupfer. 30 Prozent des Kupfers in den Leiterplatten kommt aus recycelten Quellen. Um die Recyclingquote von Kupfer weiter zu erhöhen, arbeitet Fairphone BV mit dem Partner „Closing the Loop“ in Ruanda, Ghana und Kamerun zusammen. Dort wird Elektroschrott gesammelt und zur sicheren Entsorgung nach Belgien gebracht.
  • Kobalt: Fairphone BV besucht Minen in der Demokratischen Republik Kongo. Das Unternehmen arbeitet mit Organisationen an besseren Arbeitsbedingungen und fordert mehr Transparenz bei Lieferanten und Partnern ein.

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