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Eltern aufgepasst: Wie Apps mit Psychologie und Belohnungen abhängig machen

Ein Artikel von , veröffentlicht am 06.06.2024, bearbeitet am11.06.2024
Foto: Alireza Attari

Spiele-Apps auf dem Smartphone sind bei Kindern beliebt: Bunt, einfach zu verstehen und häufig erstmal kostenlos. Aber der Schein trügt. Was Eltern wissen müssen.

Text: Lena Bültena

Heute wachsen die meisten Kinder mit Smartphones auf: Unter den 12- bis 13-Jährigen besitzen über 80 Prozent ein eigenes. Das wird nicht nur für Nachrichten und Anrufe genutzt, sondern auch für den Austausch mit Freund*innen in den sozialen Medien oder für Smartphone-Spiele. Aber viele dieser Apps nutzen psychologische Tricks, damit Menschen sie möglichst lang und oft aufrufen – Tricks, auf die Kinder noch schneller hereinfallen können als Erwachsene.

Das heißt, dass Eltern genau hinschauen sollten. Wenn Eltern sich mit den Psychologie-Tricks der App-Hersteller auskennen, können sie darauf reagieren.

Smartphone-Apps ähneln Glücksspielautomaten

Ob soziales Medium oder Smartphone-Game: Die meisten dieser Apps nutzen ganz ähnliche Mechanismen. Es geht bei beiden darum, dass die Nutzer*innen möglichst viel Zeit in der App verbringen, weil sie dadurch mehr Werbung sehen. Und: Sie sollen immer wieder zurück in die App kommen. Auch dabei geht es um Werbung, bei vielen Spiele-Apps zusätzlich auch darum, dort Geld auszugeben.

Was die Apps so verlockend macht, ist, dass sie unser Grundbedürfnis ansprechen, belohnt zu werden. Spiele-Apps funktionieren meist so, dass die Level am Anfang sehr einfach sind – das bedeutet für uns eine schnelle Belohnung nach der anderen. Mit der Zeit werden die Herausforderungen schwieriger, Belohnungen kommen seltener und unzuverlässiger.

Dahinter steckt ein Mechanismus, der intermittierende Verstärkung heißt und in der Lernpsychologie ein effektiver Weg ist, um ein Verhalten anzutrainieren. Wenn wir eine Handlung wieder und wieder machen – wie ein Level im Game – aber nicht jedes Mal eine Belohnung dafür bekommen, verstärkt das unser Bedürfnis, die Handlung zu wiederholen. Und: das Spiel immer weiter zu spielen. Glücksspielautomaten funktionieren nach demselben Prinzip. Man führt dieselbe Handlung aus, nur manchmal führt sie zum Erfolg. Der Überraschungseffekt verstärkt die Freude, wenn tatsächlich eine Belohnung kommt. Einige Fachleute gehen davon aus, dass das suchtauslösend wirken kann.

Die Tricks von Candy Crush

Ein Beispiel dafür ist Candy Crush. Das ist ein Puzzle-Spiel, bei dem man ähnlich wie bei Tetris Bonbons in eine Reihe bringt, die dann zerstört werden. Es ist eins der meistinstallierten Handy-Games und durch die bunte, knallige Süßigkeitenoptik für Kinder sehr interessant.

Der Download der App ist gratis. Das erste Level dient als Tutorial, es ist sehr einfach, die Aufgabe zu lösen. Schon da passiert viel auf einmal: Bunte Bonbons explodieren, das Handy vibriert, am Ende erhält man eine Belohnung in Form einer goldenen Krone, wenn man es auf Anhieb geschafft hat. Dazu Feuerwerk, Sterne, eine Menge Punkte, eine jubelnde Figur. Das alles sagt dem Gehirn: Belohnung! Botenstoffe werden ausgeschüttet, die positive Gefühle vermitteln.

Am Anfang bleiben die Aufgaben einfach, erst mit der Zeit werden die Level schwieriger. Schafft man ein Level nicht, verliert man ein Leben, von denen man am Anfang fünf hat. Hat man alle Leben verloren, ist man längst angefixt und will eigentlich weiterspielen – nur, ohne Leben geht das nicht. Man hat die Wahl abzuwarten, denn mit der Zeit füllen sich die Leben wieder auf. Oder: Man gibt Geld aus, um sofort weiterzuspielen.

Natürlich sehnt sich das Gehirn nach mehr Feuerwerk, mehr Erfolgserlebnissen, dahinter steckt dieser Effekt der intermittierenden Verstärkung. Da ist die Verlockung schon hoch, ein bisschen Geld auszugeben.

Fantasiewährungen verschleiern wahre Kosten

Häufig sind die einzelnen Beträge nicht so groß, dass man bei einem einzelnen Kauf denkt: Hier sollte ich aufpassen. Oder sie sind direkt in Fantasiewährungen angegeben, die man nicht einschätzen kann. In verschiedenen Smartphone-Games kann man etwa Goldmünzen, Kristalle oder Punkte kaufen und diese wiederum für Fähigkeiten, Aussehen oder zusätzliche Items ausgeben. Das ist ein weiterer Trick: Diese spielinternen Währungen verschleiern die wahren Kosten, mit Fantasieeinheiten können wir intuitiv nicht viel anfangen.

Hilfreich: Von der Sparkasse gibt es einen In-Game-Rechner, der für 20 verschiedene Games Währungen in Euro umrechnet.

In einigen Spielen kann man außerdem sogenannte Lootboxen kaufen: Das sind Überraschungs-Pakete, bei denen man gar nicht weiß, was sie beinhalten. Man gibt Geld aus, in der Hoffnung, dass seltene Gegenstände oder Waffen darin sind. Auch dieses Prinzip kennt man eigentlich aus Glücksspielen, die für Minderjährige verboten sind. In den Videospielen können Kinder trotzdem damit in Kontakt kommen.

Die Stiftung Warentest hat kürzlich verschiedene Spiele-Apps danach bewertet, ob sie für Kinder und Jugendliche geeignet sind. Dabei haben die Testenden beobachtet: Teilweise konnten bis zu 240 Euro pro Kauf anfallen. Um Ihre Kinder – und die elterliche Kreditkarte – vor solchen Ausgaben zu schützen, könnt ihr einige Einstellungen im Handy verändern. Wir erklären weiter unten, worauf ihr achtet solltet.

Tägliches Dranbleiben lohnt sich

Um Spieler*innen immer wieder in die Apps zu locken, nutzen viele Spiele Tages-Belohnungen. Wer sich jeden Tag einloggt, erhält immer wertvollere Belohnungen. Bleibt man einen einzigen Tag der App fern, setzt sich der Fortschritt auf Null zurück. Erlaubt man Push-Meldungen, erinnert das Spiel daran, wenn man sich an einem Tag noch nicht eingeloggt hat. So garantieren Spiele-Apps, dass man sie nie vergisst.

Ähnliche Prinzipien nutzen Social-Apps wie Snapchat und BeReal. Auch dort gibt es Belohnungen, wenn man täglich Nachrichten verschickt oder Inhalte postet. Zusätzlich arbeiten Games und Social-Media-Apps auch mit dem Prinzip „FOMO“ (Fear of missing out). Ruft man die App zu lange nicht auf, gibt es die Gefahr, dass man etwas verpasst. Das gilt für Spiele-Apps, die in Echtzeit funktionieren, aber auch für soziale Medien wie Instagram: Dort gibt es Storys, die jeweils nur 24 Stunden lang angezeigt werden. Schaut man nicht mindestens einmal am Tag rein, verpasst man vielleicht etwas.

Je länger man ein Spiel spielt, desto mehr ist man zudem bereit, Geld dafür auszugeben. Dahinter steckt der sogenannte Besitztumseffekt. Haben wir viel Arbeit in etwas gesteckt, wie beispielsweise den Spielfortschritt, schätzen wir es für uns für wertvoller ein. Es wäre schmerzhafter, es zu verlieren und es scheint lohnenswert, Geld hineinzustecken. Der Spielfortschritt erscheint mit der Zeit mehr Wert zu haben als nüpchtern betrachtet.

Psychologische Tricks helfen beim Sprachenlernen

Die Spiele-Anbieter kennen diese psychologischen Effekte und nutzen sie bewusst. Das muss nicht immer schlecht sein – einige Lern-Apps nutzen beispielsweise dieselben Effekte, mit dem Ziel, Menschen zum Lernen zu motivieren. Ein Beispiel dafür ist die Sprachlern-App Duolingo, die tägliches Lernen belohnt. Verpasst man einen Tag, erscheint das Duolingo-Maskottchen, eine grüne Eule, und sieht traurig aus. Das motiviert, keinen Tag auszulassen.

Regelmäßigkeit ist beim Lernen tatsächlich sinnvoll. In vielen Fällen geht es bei Apps aber vor allem darum, Geld zu verdienen. Gerade Kinder sind anfällig für diese Tricks und wollen schnell Geld ausgeben, um voranzukommen oder ihren Spielfortschritt nicht zu verlieren. Deshalb ist es wichtig, sich als Eltern mit den Spielen zu beschäftigen und zu wissen: Was spielt mein Kind? Wo versucht die App, Geld zu verdienen und was kann ich tun, damit mein Kind nicht versehentlich viel Geld ausgibt – oder sogar abhängig von der App wird?

Anzeichen für eine beginnende Sucht

Ein wichtiger Hinweis darauf, dass ein Kind zumindest gefährdet ist, abhängig zu werden, ist, wie viel Zeit es mit der App verbringt. Es geht dabei nicht nur um die Frage, wie viele Stunden am Tag das Kind spielt. Sondern eher darum, ob es andere Tätigkeiten dafür vernachlässigt. Werden die Noten schlechter, die Hausaufgaben auf einmal vernachlässigt? Trifft das Kind keine Freund*innen mehr, weil es lieber spielt, geht keinen anderen Hobbys mehr nach? Das können Anzeichen dafür sein, dass eine Suchtgefahr besteht.

Seit 2023 gibt es eine offizielle Leitlinie zum Umgang mit Bildschirmmedien für Kinder, die wichtigsten Punkte sind in einer Eltern-Version zusammengefasst. Darin sind Empfehlungen zu Bildschirmzeiten und weitere Tipps. Auch auf der Webseite der Initiative Klicksafe finden Eltern viele hilfreiche Tipps, unter anderem eine Vorlage für den Mediennutzungsvertrag. Dabei können Eltern und Kinder gemeinsam Regeln für Bildschirmmedien festlegen.

Unsere Tipps für Eltern

Den eigenen Kindern Smartphone-Spiele komplett zu verbieten, halten Fachleute nicht für den richtigen Weg. Kindgerechte Spiele können bereichernd sein, beispielsweise können Kinder ihre Reflexe trainieren oder strategisches Denken und Problemlösung erlernen.

Aber Eltern sollten genau hinschauen, welches Spiel die Kinder spielen. Beim Test der Stiftung Warentest wurden 16 Spiele-Apps untersucht, die bei Kindern und Jugendlichen beliebt sind. 15 haben das Urteil „inakzeptabel“ erhalten, nur das Spiel Minecraft wurde mit dem schwächeren „bedenklich“ eingestuft.

Was Eltern tun können, um das Smartphone-Gaming sicherer zu machen:

  • App-Downloads einschränken: Dabei können Eltern festlegen, dass ihr Kind nur Apps mit einer bestimmten Altersfreigabe herunterladen darf. Bei Android geht dies unter den Jugendschutzeinstellungen, bei iOS unter dem Punkt Bildschirmzeit.
  • In-App-Käufe deaktivieren: So können Eltern verhindern, dass Kinder beim Spielen versehentlich Geld ausgeben. Bei Android lässt sich das nur komplett verhindern, wenn keine Zahlungsdaten hinterlegt sind. Alternativ kann man unter dem Einstellungspunkt Bestätigung von Käufen einstellen, dass immer ein Passwort oder ein Fingerabdruck nötig sind, um Käufe abzuschließen. Bei iOS kann man unter dem Punkt Bildschirmzeit In-App-Käufe verbieten oder alternativ ebenfalls einstellen, dass für jeden Kauf ein Passwort nötig ist.
  • Benachrichtigungen ausschalten: Ein Weg, wie Spiele abhängig machen, ist, indem sie durch Benachrichtigungen immer wieder auf sich aufmerksam machen. Das Ziel: Die Spieler*innen sollen möglichst oft die App aufrufen. Sind die Benachrichtigungen für das Spiel ausgeschaltet, wird das Kind nicht so oft an das Spiel erinnert.
  • Bildschirmzeit begrenzen: Android und iOS ermöglichen, die Zeit für einzelne Apps zu begrenzen. So kann man einstellen, dass das Kind nur eine bestimmte Zeit lang pro Tag das Spiel spielen kann. Bei Android geht das über die App Google Family Link oder einige Kinderschutz-Apps. Bei iOS kann man unter Bildschirmzeit Limits für einzelne Apps festlegen.
  • Zuschauen oder mitspielen: Eltern sollten Bescheid wissen, was ihre Kinder spielen, um mit ihnen darüber sprechen zu können – also am besten selbst mitspielen oder hin und wieder zuschauen. So können Kinder sofort Rat suchen, wenn ihnen etwas komisch vorkommt.

Neben den bekannten, großen Spielen gibt es viele weitere Smartphone-Spiele, die teilweise deutlich kindgerechter sind. Einige findet man beispielsweise beim Spieleratgeber NRW oder auf Seitenstark.de. Im besten Fall findet das Kind dort Spiele, die viel mehr Spaß machen, weil sie nicht andauernd von Werbung oder Kauf-Aufforderungen unterbrochen werden.

 

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