Körper und Gesundheit

Corona-Warn-App: Was Sie wissen müssen

Ein Artikel von , veröffentlicht am 08.06.2020, bearbeitet am22.04.2021

Die Contact-Tracing-App für Deutschland ist seit Juni 2020 im Einsatz, inzwischen gibt es sie auch in F-Droid. Als Zusatz bietet die App ein Kontakttagebuch und seit Ende April 2021 auch eine Check-in-Funktion für Veranstaltungen. Unser Überblick

Die Corona-Warn-App für Deutschland steht seit dem 16. Juni 2020 im Google Play-Store und in Apples App Store zum Download bereit. Sie ist quelloffen (Open Source), das bedeutet, jede*r kann den Programmcode einsehen. Er ist auf GitHub zu finden.

Seit dem 7. Dezember 2020 gibt es für Android eine funktionsgleiche Version der App im verbraucherfreundlichen F-Droid-Store (dort heißt sie Corona Contact Tracing Germany). Freie Entwickler*innen haben diese komplett auf freier Software basierende App ehrenamtlich angefertigt.

Während die Original-App Google-Dienste benötigt, sind die entsprechenden Funktionen bei der Alternative "entgoogelt" und direkt in die App integriert. Sie ist somit auch für Personen mit Google-freien Android-Handys und Huawei-Nutzer*innen geeignet.

Die Corona-Warn-App aus dem Google Play-Store bzw. Apples App Store und die ehrenamtlich entwickelte F-Droid-App sind miteinander kompatibel.

Wie Google und Apple an der Funktionsweise der Original-App beteiligt sind, erfahren Sie in unserem Artikel Contact-Tracing: Die Schnittstelle von Apple und Google.

So funktioniert die Corona-Warn-App

Die App arbeitet mit den für diesen Zweck von Google und Apple neu implementierten Bluetooth-Schnittstellen.

Die Idee: Jedes Gerät, auf dem die App läuft, scannt die Umgebung ständig nach anderen Geräten in der Nähe. Smartphones, die über eine bestimmte Zeit nah beieinander waren, tauschen eine ID aus. Stellt sich bei eine*r Nutzer*in eine Infektion heraus, kann er*sie seine eigenen IDs auf einen Server laden. Von dort laden die Geräte aller anderen Nutzer*innen die IDs automatisch herunter und gleichen sie mit den eigenen gespeicherten IDs ab. Gibt es eine Übereinstimmung, erhalten sie eine Warnung.

Zusätzlich zu den Schlüsseln infizierter App-Nutzer*innen werden auch ungültige Schlüssel erzeugt. Sie werden zusammen mit den Schlüsseln positiv getesteter Nutzer*innen auf den zentralen Server geladen. So sollen gerade bei niedrigen Infektionszahlen Rückschlüsse auf einzelne Personen verhindert werden.

Bei Android-Geräten benötigt die App zur Unterstützung der Bluetooth-Funktion auch den Zugriff auf die Ortungsfunktion des Handys. Die App erhebt aber keine Standortdaten und auf dem zentralen Server werden keine Informationen darüber gespeichert, wer mit wem in Kontakt war. Somit erfüllt die App bei dieser Funktion hohe Ansprüche an Datenschutz und Privatsphäre.

Hinweis für Android: Sie finden seit Juli 2020 (ab der Version 1.1.1.) den neuen Punkt "Priorisierte Hintergrundaktivität" in der Android-Apps, erreichbar über den Punkt Einstellungen im Drei-Punkte-Menü oben rechts in der App. Diese Option sollten Sie aktivieren, damit die App zuverlässig arbeitet. Auf iPhones ist die Funktion automatisch aktiv.

Check-in-Funktion ab Version 2.0

Mit dem Update Ende April 2021 auf die Version 2.0 erhielt die App eine Funktion zur Eventregistrierung. Damit können sich Personen bei Restaurants, Veranstaltungen und Treffen im privaten Kreis "einchecken".

Der*die jeweilige Veranstalter*in kann über den Button "QR-Code erstellen" einen Veranstaltungs-Code erzeugen, der Ort, Datum und Dauer des Events enthält. Alle Besucher*innen scannen den Code und speichern ihn lokal in Ihrer App. Nach zwei Wochen wird er automatisch gelöscht.

Wenn eine der eingecheckten Personen später einen positiven Test erhält, kann sie dies in der App melden. Der Eventcode wird dann auf den Server der App hochgeladen. Alle anderen Personen, die bei der selben Veranstaltung eingecheckt waren, erhalten daraufhin eine Warnung. Im Detail läuft das Verfahren genauso ab, wie bei der Warnung vor einzelnen Risikobegegnungen, die wir im nächsten Abschnitt genau erklären.

Anders als bei der umstrittenen Luca-App werden hierbei die Gesundheitsämter nicht einbezogen und es werden keine Kontaktdaten der teilnehmenden Personen erhoben. Damit kann die neue Funktion die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter auch nicht unterstützen und bietet keinen datenschutzfreundlichen Ersatz für die gesetzlich vorgeschriebene Erfassung von Besucher*innen in Restaurants und auf Veranstaltungen.

Die Check-in-Funktion soll neue Erkenntnisse über die Ansteckungswege bei Corona berücksichtigen. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise darauf, dass sich die ausgeatmeten infektiösen Partikel in geschlossenen Räumen lange in der Luft halten und über größere Distanzen verteilen. Somit können Ansteckungen auch dann stattfinden, wenn Personen mehr als zwei Meter Abstand zueinander halten oder auch, wenn die infektiöse Person gar nicht mehr selber im Raum ist.

Die App im Gebrauch

Die Menüführung ist bei der Corona-Warn-App und bei der F-Droid-Variante "Corona Contact Tracing Germany" identisch.

Der Einrichtungsdialog ist klar formuliert und schnell geschafft. Da die Hauptfunktion der Corona-Warn-App darin besteht, im Hintergrund mitzulaufen, wäre allerdings eine Meldung sinnvoll, dass die App am Ende der Einrichtung aktiv ist und es auch bleibt, wenn man sie schließt.

Auf Android muss zusätzlich die Einstellung "Priorisierte Hintergrundaktivität" aktiviert werden, damit die App zuverlässig läuft (siehe obigen Punkt "So funktioniert die App"). Wer die Corona-Warn-App bereits länger nutzt, könnte diese neue Einstellung leicht übersehen. Wer die App neu herunterlädt, wird zu Beginn darum gebeten, die Funktion zu aktivieren.

Praktisch: Die App bietet inzwischen auch die Funktion, ein persönliches Kontakttagebuch zu führen. Weiterhin liefert sie täglich aktuelle Infektionszahlen des RKI auf der Startseite.

Entwicklung und Finanzierung des Originals

Die deutsche Bundesregierung beauftragte Ende April 2020 die Firmen SAP und T-Systems (Deutsche Telekom) mit der Entwicklung der App. Das Helmholtz-Zentrum CISPA und das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS sind in beratender Funktion mit dabei.

Die App wird aus Steuergeldern finanziert. Laut Medienberichten liegen die Entwicklungskosten im Rahmen der veranschlagten 20 Millionen Euro. Für den Betrieb werden weitere 2,5 bis 3,5 Millionen Euro pro Monat anfallen. Die hohen Betriebskosten entstehen überwiegend durch die Hotline, die für die Meldung positiver Tests betrieben wird.

Für die Machbarkeitsstudie zu der ursprünglich geplanten Corona-Tracing-App mit zentraler Datensammlung flossen rund 600.000 Euro an die Fraunhofer Gesellschaft. Der Entwurf wurde später aus Datenschutzgründen verworfen.

Datenschutz bei der Corona-Warn-App

So funktioniert der Datenschutz

Der knifflige Teil bei jeder Corona-Tracing-App: Wie verhindert man, dass Nutzer*innen sich selbst als infiziert melden, obwohl sie es gar nicht sind - und bewahrt dabei trotzdem die Anonymität der Nutzer*innen? Hierzu haben die Entwickler*innen der App ein gut durchdachtes System entworfen. Es basiert auf einem QR-Code-System, das teils schon vor Corona von vielen Testlabors etabliert wurde.

1. Ein*e Patient*in geht in eine Praxis und lässt eine Speichelprobe für einen Corona-Labortest nehmen. In der Praxis erhält der*die Patient*in einen Code in Form eines QR-Codes.

2. Die Praxis sendet den selben QR-Code im sogenannten "Probenbegleitschein" mit zum Labor. Das Labor selbst hat also keinerlei Informationen über den*die Patient*in. Nur die Praxis kann Test und Patient*in zuordnen.

3. Das Labor lädt den Test zusammen mit dem QR-Code auf den Test-Server der Corona-Warn-App. Der Test selber lässt sich keiner Person zuordnen. Ist der Test positiv, fügt das Labor auch diese Information hinzu.

4. Nur die Praxis, in der die Probe genommen wurde und die Patient*innen, die ihren QR-Code bekommen haben, können den Test einer Person zuordnen.

5. In der Corona-Warn-App können Nutzer*innen den QR-Code einscannen. Die App fragt dann (vereinfacht gesagt) auf dem Test-Server nach, welcher Test zu diesem QR-Code gehört und gibt das Ergebnis an die App weiter. Mit dabei ist die Information, ob das Ergebnis positiv ist.

6. Ist das Ergebnis positiv, kann sich die Person entscheiden, ihre eigenen IDs auf den Warn-Server zu laden. Die App stellt dann eine Anfrage an den "Verifikations-Server". Dazu schickt sie den QR-Code. Der Server prüft noch einmal, ob zu diesem QR-Code ein positiver Test auf dem Test-Server vorliegt. Wenn dies der Fall ist, generiert er eine TAN und schickt sie an die App. Nur mit dieser TAN lassen sich dann IDs auf den Server laden.

Dieses System verhindert, dass sich Informationen über Nutzer*innen ansammeln, die verknüpft und zugeordnet werden können. Aus unserer Sicht spricht daher nichts dagegen, die App zu nutzen.

Die Funktionsweise ist bei der Corona-Warn-App und bei der F-Droid-Variante "Corona Contact Tracing Germany" identisch.

Wir haben das Datensendeverhalten der Corona-Warn-App mit dem AppChecker, unserem Testsystem für Android-Apps, überprüft. Sie erhielt die Bestnote: Privacy Score 1.

Alternativer Meldeweg per Hotline

Falls Nutzer*innen ihren QR-Code nicht einscannen können oder verloren haben, oder wenn das Labor das Verfahren nicht unterstützt, kommt eine Hotline der Telekom zum Einsatz. Das Callcenter selbst wird von einem nicht weiter benannten externen Dienstleister betrieben.

Die Verifizierung der Anrufenden erfolgt durch Fragen der Hotline-Mitarbeiter*innen. Diese erzeugen eine TAN und senden sie an den*die Anrufer*in. Mit der TAN lassen sich IDs einmalig hochladen. Da hier unklar ist, wer die Informationen verarbeitet, raten wir dazu, diesen Weg zu vermeiden.

Risikoabschätzung: Wie sicher ist Bluetooth?

In unseren Ratgebern rund um Bluetooth empfiehlt unsere Redaktion, die Bluetooth-Funktion des Smartphones nur bei Benutzung einzuschalten. In der Vergangenheit mehrfach sind Fehler in der Software bekannt geworden, durch die Smartphones angegriffen werden konnten.

Im Februar 2020 veröffentlichte Google ein Sicherheitsupdate für Android, das eine kritische Bluetooth-Schwachstelle (BlueFrag, CVE 2020-0022) behob. Im Mai 2020 wurde eine weitere Angriffsmöglichkeit bekannt, diesmal liegt die Ursache im Bluetooth-Protokoll selbst und ist noch nicht behoben.

Tatsächlich ist das Risiko, Opfer eines Angriffs zu werden, jedoch sehr klein. Denn der*die Angreifer*in muss sich dafür in räumlicher Nähe zum angegriffenen Gerät befinden. Für die meisten Geschäftsmodelle von Cyberkriminellen ist das uninteressant - sie agieren häufig aus dem Ausland, wo die Rechtslage für sie günstig ist, und greifen möglichst viele Geräte gleichzeitig an.

Um das Risiko so klein wie möglich zu halten, empfehlen wir für diese App ganz besonders, ein Smartphone zu nutzen, das mit aktuellen Sicherheitsupdates versorgt wird. Zudem muss die Corona-Warn-App eine zeitlich begrenzte Maßnahme mit strenger Nutzenkontrolle sein. Sollte sich herausstellen, dass die App in der Praxis nicht zur Eindämmung der Pandemie beiträgt, spricht nichts mehr für die Nutzung.

Fazit

Die Kernfunktion der App entspricht den höchsten Ansprüchen an Datenschutz und Privatsphäre. Auch das System, mit dem positive Meldungen per QR-Code verifiziert werden, ist exzellent durchdacht.

Fragwürdig ist die optionale Verifikation über einen externen Callcenter-Betreiber. Dies ist allerdings auch nur als Übergangslösung gedacht, bis alle Labore das QR-Code-System unterstützen.

Die Dokumentation der App ist ausgezeichnet und auf Kritik und Anmerkungen unabhängiger Entwickler*innen wurde schnell reagiert. Mit der App "Corona Contact Tracing Germany" existiert seit Dezember 2020 nun auch eine komplett auf freier Software basierende Lösung zur Kontaktverfolgung in Deutschland. Die Free Software Foundation Europe kritisiert dabei, dass erst das Engagement ehrenamtlicher Entwickler*innen dies ermöglicht habe.

Kennen Sie schon unseren Newsletter? Einmal im Monat schicken wir Ihnen aktuelle mobilsicher-Lesetipps direkt ins Postfach. Hier geht's zur Anmeldung.

Die Autorin

E-Mail

m.ruhenstroth@mobilsicher.de

PGP-Key

0xAC27FCDCF277F1E4

Fingerprint

E479 C1CD 0FC9 E373 A4B3 F5DB AC27 FCDC F277 F1E4

Miriam Ruhenstroth

Projektleiterin. Miriam Ruhenstroth hat mobilsicher.de seit Beginn des Projektes begleitet – zuerst als freie Autorin, später als Redakteurin. Seit Januar 2017 leitet sie das Projekt. Davor arbeitete sie viele Jahre als freie Technik- und Wissenschaftsjournalistin.

Weitere Artikel

Körper und Gesundheit 

Corona-Kontaktverfolgung: Die Schnittstelle von Apple und Google

Auch nach ihrem Erscheinen sorgt sie weiterhin für Kontroversen: Die Schnittstelle von Google und Apple, auf die Apps zum Nachverfolgen von Kontakten zugreifen können. Wir erklären, wie sie arbeitet, welche Einstellmöglichkeiten es gibt und wie es um den Datenschutz steht.

Mehr
Körper und Gesundheit 

Fruchtbarkeits-App Lady Cycle: Empfehlenswert (Android)

Die Fruchtbarkeits-App Lady Cycle bestimmt die fruchtbaren Tage der Nutzerin mit der NFP-Methode. Ein Schweizer Entwicklerteam finanziert die App privat und mit Spenden, um sie kostenlos und werbefrei anbieten zu können. Alle Daten der Nutzerin verbleiben auf dem Gerät. Vorbildlich!

Mehr
Schwerpunkt 

Alles rund um App-Berechtigungen

Apps fragen oft nach Zugriffsrechten. Aber was bedeuten die einzelnen Rechte überhaupt? Woher kommen sie? Welche davon kann man einschränken? In den folgenden Artikeln finden Sie Hintergrundinfos und  Tipps zum Umgang mit App-Berechtigungen bei Android und iOS.

Mehr
Körper und Gesundheit 

Fruchtbarkeits-App MyNFP: Empfehlenswert

Die Zyklus-App MyNFP misst die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage der Nutzerinnen nach der wissenschaftlich validierten NFP-Methode. Die App ist nach 30 Tagen kostenpflichtig und überträgt keinerlei Nutzerdaten. Unser Fazit: Empfehlenswert!

Mehr