Ratgeber

Apps gecheckt: Diese 11 Mental-Health-Apps halten dicht (Android)

Ein Artikel von , veröffentlicht am 09.04.2021
Pixabay, CC0

Apps zur Unterstützung bei psychischen Problemen sollten niemandem verraten, wer sie nutzt. Unsere Testreihe liefert erfreuliche Ergebnisse: Von 16 Mental-Health-Apps hielten elf dicht, nur fünf versendeten eindeutige IDs.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (dgppn) erfüllt in Deutschland im Laufe eines Jahres jeder vierte Erwachsene die Kriterien einer psychischen Erkrankung.

Kein Wunder also, dass auch viele Apps sich dem Thema "Mentale Gesundheit" widmen. Das Angebot reicht hierbei vom Depressionstest über Stimmungstagebücher bis hin zu Apps, die zum Austausch mit anderen Betroffenen dienen.

Diese Apps können einen Arzt oder eine Psychologin nicht ersetzen. Wer sich aber zunächst davor scheut, professionelle Hilfe zu suchen, kann mit einer App einen niedrigschwelligen Einstieg finden. Auch wer lange auf einen freien Therapieplatz warten muss, kann die Wartezeit mit einer solchen App erträglicher gestalten.

Sie befinden sich in einer akuten Krise oder Notsituation? Die Mitarbeitenden der TelefonSeelsorge Deutschland sind rund um die Uhr erreichbar, Anrufende bleiben anonym. Telefon: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder per Online-Seelsorge.

Sensible Gesundheits-Apps

Aus Sicht des Datenschutzes nehmen Gesundheits-Apps eine Sonderrolle ein. Im Gegensatz zu praktischen Alltagshelfern wie Scanner-Apps oder E-Mail-Apps ermöglicht bei Gesundheits-Apps schon das Wissen um die Installation sensible Rückschlüsse auf ihre Nutzer*innen.

Viele Apps enthalten dabei Bausteine von Werbenetzwerken wie Facebook. Wenn Ihre Sport-App diesen Baustein enthält, erfährt Facebook, dass Sie die App nutzen - und spielt Ihnen in Zukunft vermutlich mehr Werbung für Sportartikel aus. Dieses Verhalten würde bei uns normalerweise noch eine mittlere Privatsphäre-Bewertung auslösen.

Anders sieht es aus, wenn dasselbe Netzwerk erfährt, dass Sie eine App nutzen, die im Zusammenhang mit einer (psychischen) Erkrankung steht. In einer idealen Welt erhielten Sie dann vielleicht vermehrt Hinweise für Hilfsangebote. Realistisch ist aber, dass solche Nutzer*innen als besonders empfänglich für bestimmte Produkte und Werbestrategien identifiziert werden können.

Nutzerdaten sind zudem längst nicht mehr nur für die Werbeindustrie relevant. Auch Versicherungsunternehmen, Arbeitgeber*innen und Unternehmen aus dem Feld Bonitätsprüfung und Kreditvergabe interessieren sich für sie.

Grund genug also, uns die wichtigsten Vertreter der App-Kategorie "Mental Health" einmal genau anzusehen. Wir haben 16 beliebte Apps überprüft, die damit werben, Hilfe bei psychischen Erkrankungen zu bieten.

Unser Test und Bewertung

Apps, bei denen die Nutzung allein schon Hinweise auf besonders geschützte Informationen wie die Gesundheit gibt, bewerten wir besonders streng. Wenn eine solche App Drittanbietern Daten zukommen lässt, mit denen Nutzer*innen identifiziert werden können, können wir die Nutzung nicht mehr empfehlen.

Eine solche eindeutige Kennnummer ist die Werbe-ID. Sie besteht aus einer langen Folge von Zahlen und Buchstaben und soll personalisierte Werbung ermöglichen, ohne die Identität von Nutzer*innen preiszugeben. Sie wird vom Betriebssystem vergeben und kann von Apps abgefragt und an Dritte weitergegeben werden.

Drittanbieter nutzen die ID, um neue mit bestehenden Informationen zu verknüpfen und so Profile zu bilden. Facebook kann diese Informationen in vielen Fällen auch mit bestehenden Facebook-Konten verknüpfen. Tipp: Sie können Ihre Spuren verwischen, indem Sie Ihre Werbe-ID regelmäßig im Smartphone ändern.

Der AppChecker

  • Untersucht haben wir die Apps mit dem AppChecker, unserem neu entwickelten Testsystem für Android-Apps.
  • Der AppChecker macht sichtbar, was Apps im Verborgenen tun. Dafür schaltet er sich zwischen App und Internet und zeichnet größtenteils automatisiert auf, welche Daten Apps erheben und weitergeben und listet die potenziellen Zugriffsrechte jeder App auf.
  • Die Ergebnisse dieser Überprüfungen veröffentlichen wir auf appcheck.mobilsicher.de. Dort können Sie anhand tausender Testberichte überprüfen, wie Apps mit Ihren Daten umgehen.
  • Mehr Infos zum AppChecker finden Sie in diesem Video.

Die 11 Testsieger

11 der 16 getesteten Apps schnitten in unserem Test erfreulicherweise gut oder sehr gut ab. Aus Datenschutzsicht können Sie diese Apps bedenkenlos nutzen. Zum KrisenKompass, der App der TelefonSeelsorge, finden Sie unten einige weiterführende Informationen.

Folgende Apps können wir empfehlen:

Der KrisenKompass

Die App „KrisenKompass“, die im Auftrag der TelefonSeelsorge angeboten wird, bietet Kontaktinformationen zu verschiedenen Hilfsangeboten in Deutschland und bindet jeweils die Webseiten dieser Angebote ein. Dass die App Webseiten aufruft, ist hierbei für Nutzer*innen nicht erkennbar, da sie nicht über einen Browser, sondern innerhalb der App geöffnet werden.

Einige der Webseiten von derart eingebundenen Hilfsangeboten enthalten Tracking-Dienste, zum Beispiel den von Adobe. Obwohl die Anbieter der App also nicht selber auf Tracking- oder Analyse-Dienste zurückgreifen, baut die App im Test eine Internetverbindung zu einem Drittanbieter auf, der für die Funktion der App nicht nötig wäre. In diesem Fall werden dabei keine identifizierenden Informationen übertragen, weshalb wir die Nutzung der App noch empfehlen können. Dennoch haben wir den App-Anbieter auf diese Tatsache aufmerksam gemacht.

Die 5 Verlierer

Fünf der getesteten Apps erfassten mit der Werbe-ID eine eindeutige Kennnummer und disqualifizierten sich damit für eine Empfehlung. Besonders erwähnenswert ist hier die App „Mind Journal - Tagebuch & Stimmungsverfolger“ der Schweizer Bazimo GmbH.

Dort identifizierten wir einen alten Bekannten aus unserer letzten Untersuchung: Die App sendete die Werbe-ID an die niederländische my.com B.V. Das ist die Betreiberfirma hinter der populären E-Mail-App myMail, auf deren katastrophalen Umgang mit den E-Mails ihrer Nutzer*innen wir im Rahmen unserer vorigen Studie aufmerksam wurden. Neben eigenen Apps bietet die my.com B.V. auch einen Analysdienst an.

Die my.com B.V. ist eine 100-prozentige Tochter der mail.ru-Gruppe, einem russischen App-Anbieter und Investment-Konzern. Dort kann die Information zur Nutzung der Mind Journal-App mit Daten aus anderen Apps verknüpft werden, die zu dieser Werbe-ID vorliegen.

Das Beispiel zeigt, welche verschlungenen Wege einmal erhobene Daten gehen können: von der App zum Drittanbieter, von dort zu einem großen Mutterkonzern, dann zu riesigen Datenbanken mit Nutzer*innen-Profilen.

Von diesen Apps raten wir ab, da der Datenschutz nicht gewahrt wird: 

Außer Konkurrenz: MindDoc

Die beliebte App MindDoc lässt sich auf unserem Testsystem nicht analysieren, da die App spezielle Sicherheitsvorkehrungen implementiert hat. Die Ergebnisse unseres Schnelltests finden Sie hier.

MindDoc greift auf den Analysedienst von Google zurück, um App-Abstürze nachzuvollziehen. Der Anbieter versichert, dabei personenbezogene Kennnummern wie die Werbe-ID und die IP-Adresse "zu deaktivieren oder vorab zu anonymisieren" und die Identifikation der App-Nutzer*innen damit auszuschließen.

Die App bietet die Option, ein Profil anzulegen. Wir empfehlen, darauf zu verzichten, da ansonsten personenbezogene Daten auf Servern des Anbieters abgelegt werden. Ohne Profil halten wir das Privatsphäre-Risiko bei dieser App für sehr gering.

Entwickelt wird die App von der MindDoc Health GmbH mit Sitz in München in Zusammenarbeit mit Mediziner*innen. Sie ist zur Unterstützung bei psychischen Erkrankungen wie Depression, Essstörungen oder Burnout gedacht.

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