Ratgeber

Cleaner-Apps: Was bringen die „Systemoptimierer“?

Ein Artikel von , veröffentlicht am 05.12.2017, bearbeitet am11.08.2020

Android-Cleaner wollen das Smartphone schneller, vielleicht sogar sicherer machen. Die Wahrheit ist: Sie nützen so gut wie nichts. Warum Systemoptimierer in den meisten Fällen überflüssig sind, lesen Sie hier.

Wer im Googe Play-Store nach dem Wort „Cleaner“ sucht, findet unzählige Ergebnisse. Die vorgeschlagenen Antworten tragen Namen wie „Smart Killer“, „Go Speed“ oder „Cache Reiniger“. Diese Cleaner-Apps versprechen, das Smartphone zu optimieren, so dass es schneller läuft und wieder mehr freien Speicher hat. Das wollen sie erreichen, indem sie die Datenverwaltung verbessern, den sogenannten „Cache“ reinigen, Hintergrundprozesse beenden und vieles mehr.

Aber was bringen diese Anwendungen überhaupt? Und was ist dran an den Meldungen, manche davon seien sogar gefährlich?

Nutzen von Cleanern nicht nachweisbar

Das Wichtigste zuerst: Obwohl Cleaner-Apps millionenfach heruntergeladen werden, konnte ihr Nutzen in unabhängigen Tests bisher nicht bestätigt werden. So schrieb die Stiftung Warentest in ihrem Testbericht 2015, Cleaner-Apps würden „keine spürbaren Vorteile bringen“.

In unserem Kurztest konnten wir diese Aussage bestätigen: In einem einfachen Geschwindigkeitstest (durchgeführt mit der App Geekbench) erzielte ein Huawei Mate 10 Pro nach einem Optimierungsdurchlauf mit zwei verschiedenen Cleanern keine Verbesserung. Das Gerät war zuvor einen Tag lang mit einigen aktiven Apps gelaufen und hatte einen fast vollen Akku.

Woran das liegt? Die meisten typischen „Aufräummaßnahmen“ stammen aus der PC-Welt und sind bei Android schlichtweg unnötig – das Betriebssystem kümmert sich selbst um diese Aufgaben, wie unser Mythen-Check zeigt.

1. Mythos: Cache löschen hilft immer

Der Funktionsumfang der verschiedenen Cleaner-Apps variiert zwar, die Grundlagen sind aber meist gleich. So bieten praktisch alle Apps dieser Art an, einen oder verschiedene „Caches“ zu löschen.

Gemeint sind damit Zwischenspeicher, in denen Apps bestimmte Dateien temporär ablegen. So hinterlegt YouTube dort zum Beispiel Videos aus abonnierten Kanälen, damit Nutzer*innen diese dann ohne Ladezeiten ansehen kann.

Normalerweise sorgen die Apps selbst dafür, dass nicht zu viele Dateien im Cache landen und löschen alte Dateien von alleine. Es ist also grundsätzlich nicht nötig, ihn regelmäßig zu löschen.

Ausnahme: Wenn eine App plötzlich langsam oder fehlerhaft läuft, kann es daran liegen, dass etwas mit Ihrem Cache nicht stimmt. Dann kann es helfen, ihn manuell zu leeren. Eine App ist dazu aber nicht nötig. Sie können den Cache löschen unter: Einstellungen -> Apps (Anwendungsmanager) -> Tippen auf gewünschte App -> Speicher > Cache leeren.

Ist der Cache geleert, muss die App beim nächsten Start die Daten wiederherstellen, die zur Nutzung notwendig sind. Sie startet dann einmalig etwas langsamer. Übrigens: Bei neueren Android-Geräten (ab Version 6.0) können Apps grundsätzlich nicht mehr auf den Cache einer anderen App zugreifen. Alles, was sogenannte Cleaner-Apps tun können, ist also, Sie direkt zu dem oben genannten Punkt in den Systemeinstellungen zu bringen.

2. Mythos: Ein leerer Arbeitsspeicher ist gut

Bei Cleaner-Apps ebenfalls sehr beliebt: Hintergrundprozesse beenden, damit wieder Platz im Arbeitsspeicher ist.

Der Arbeitsspeicher (RAM) ist der Teil des Gerätespeichers, der Daten sehr schnell verarbeiten kann, aber alles "vergisst", sobald die Stromzufuhr endet. Wenn eine App im Arbeitsspeicher auftaucht, ist sie schnell ansprechbar. Das ist im Alltag mit dem Smartphone gut.

Dass der RAM möglichst leer sein soll, ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Im Gegenteil: Android ist so konzipiert, dass dieser Speicher möglichst ausgelastet sein sollte.

Darum kümmert sich das Android-Betriebssystem ganz von selbst. Wenn man eine neue Anwendung startet und es ist nicht mehr ausreichend RAM verfügbar, schließt das Android-System automatisch die am längsten aktiven und in der aktuellen Nutzung unwichtigsten Apps.

Diese automatische Speicherverwaltung ist inzwischen sehr ausgereift und achtet zum Beispiel darauf, Messenger, die stets laufen sollen, nicht zu schließen. Lässt man eine Cleaner-App auf den Arbeitsspeicher los, besteht das Risiko, dass wichtige Hintergrundprozesse beendet werden.

Messenger-Nachrichten werden in diesem Fall erst wieder empfangen, wenn Nutzer*innen die App manuell öffnen. Zudem wird Ihr Gerät langsamer, wenn Sie den Arbeitsspeicher radikal leeren. Wenn Sie dann eine App erneut öffnen, müssen alle Prozesse wieder neu gestartet werden.

Ausnahme: Wenn eine App sich aufgehängt hat, kann es helfen, ihre Hintergrundprozesse manuell zu beenden. Das geht in den Einstellungen unter Apps -> Appname -> Beenden erzwingen.

Ähnlich wie bei Cleaner-Apps gibt es auch bei Virenschutz-Apps Grund zum Misstrauen: ihr Nutzen ist umstritten, mitunter handelt es sich um Schadprogramme.

Viele Cleaner-Apps sind übergriffig

Aber nicht nur wegen des zweifelhaften Nutzens genießen die Cleaner-Apps nicht den besten Ruf.

Viele der Anwendungen sind darüber hinaus mit Werbung überladen, fordern übermäßig viele Berechtigungen und stehen im Verdacht, Nutzer*innendaten auszuspionieren.

Zudem sind einige Funktionen völlig unglaubwürdig: So versprechen einige Cleaner-Apps, den Prozessor (CPU) zu kühlen. Wie das technisch funktionieren soll, ist vollkommen unklar.

Und: Immer wieder tauchen Cleaner-Apps auf, die als Tarnung für Schadprogramme dienen.

Hier gehts zu unserem aktuellen Test der beliebten Android-App CCleaner.

Positiv: SDMaid und LTE Cleaner

Gibt es auch positive Beispiele? Ja, einige wenige Apps genießen einen seriösen Ruf. Beispiel sind SDMaid des deutschen Entwicklers Matthias Urhahn und der LTE Cleaner aus dem F-Droid-Store. Diese Apps lassen die Systemprozesse in Frieden und verlegen sich hauptsächlich auf das Löschen nicht mehr benötigter Dateien, um Speicherplatz zu schaffen.

Das kann unter Umständen sinnvoll sein, denn auch bei Android können sich solche Datenreste ansammeln. Manche Apps legen etwa Ordner Gerätespeicher an, die  beim Deinstallieren nicht vollständig entfernt werden.

Auch können sich Dateien doppeln oder Apps legen Ordner an, die nie gebraucht werden. Solche Dateien findet SDMaid und löscht sie. Die App verzichtet auf Werbung und finanziert sich durch eine Premium-Version.

Fazit: Android genügt

Dem Android-System schaden die meisten der Cleaner-Apps zwar nicht direkt - Nutzer*innen ziehen daraus aber auch keine Vorteile. Auch Apps mit hohen Download-Zahlen können aus Datenschutzsicht höchst problematisch sein, wie unser aktueller Test zeigt.

Wer auf Nummer sicher gehen will, verlässt sich also besser die Reinigungswerkzeuge des Android-Systems, anstatt auf Apps von Drittanbietern zurückzugreifen.

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