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Android-Cleaner: Was bringen die „Systemoptimierer“?

Ein Artikel von , veröffentlicht am 05.12.2017

Cleaner-Apps wollen das Smartphone schneller, das Gerät vielleicht sogar sicherer machen und mehr Speicherplatz schaffen. Was ist an den Versprechen dran? Sie nützen wenig bis nichts. Und zumindest eine dieser Apps ist sogar ein regelrechtes Schadprogramm.

Viele „Cleaner-Apps“ im Play-Store

Wer im Play-Store von Google nach dem Wort „Cleaner“ sucht, darf sich über unzählige Ergebnisse freuen. Die vorgeschlagenen Antworten tragen eindeutige Namen wie „Smart Killer“, „Go Speed“ oder „Cache Reiniger“. Diese Cleaner-Apps versprechen, das Smartphone zu optimieren, so dass es schneller läuft und über mehr freien Speicherplatz verfügt. Das wollen sie erreichen, indem sie die Datenverwaltung verbessern, den sogenannten „Cache“ reinigen, Hintergrundprozesse beenden und vieles mehr.

Aber was bringen diese Anwendungen überhaupt? Und was ist dran an den Meldungen, manche davon seien sogar potenziell gefährlich?

Nutzen nicht nachweisbar

Das wichtigste zuerst: Obwohl Cleaner-Apps millionenfach heruntergeladen werden, konnte ihr Nutzen in unabhängigen Tests bisher nicht bestätigt werden. So schrieb die Stiftung Warentest in ihrem Testbericht 2015, Cleaner-Apps würden „keine spürbaren Vorteile bringen“.

In einem Kurztest konnten wir diese Aussage bestätigen: In einem einfachen Geschwindigkeitstest (durchgeführt mit der App Geekbench) erzielte ein Huawei Mate 10 Pro nach einem Optimierungsdurchlauf mit zwei verschiedenen Cleanern keine Verbesserung. Das Gerät war zuvor einen Tag lang mit einigen aktiven Apps gelaufen und hatte einen fast vollen Akku.

Woran das liegt? Die meisten typischen „Aufräum-Maßnahmen“ stammen aus der PC-Welt und sind bei Android schlichtweg gar nicht nötig – das Betriebssystem kümmert sich um diese Aufgaben, wie unser Mythencheck zeigt.

Mythos 1: Cache löschen

Der Funktionsumfang der verschiedenen Cleaner-Apps variiert zwar, die Grundlagen sind aber meist gleich. So bieten praktisch alle Apps dieser Art an, einen oder verschiedene „Caches“ zu löschen.

Gemeint sind damit Zwischenspeicher, in denen Apps bestimmte Dateien temporär ablegen. So hinterlegt Youtube dort zum Beispiel Videos aus abonnierten Kanälen, damit der Nutzer diese dann ohne Ladezeiten ansehen kann.

Normalerweise sorgen die Apps selbst dafür, dass nicht zu viele Dateien im Cache landen und löschen alte Dateien von selbst. Es ist also grundsätzlich nicht nötig, ihn regelmäßig zu löschen.

Wenn eine App aber plötzlich langsam oder fehlerhaft läuft, kann es daran liegen, dass etwas mit Ihrem Cache nicht stimmt. Dann kann es helfen, ihn manuell zu leeren. Eine App ist dazu aber nicht nötig. Dieser Schritt lässt sich bewerkstelligen unter: Einstellungen -> Apps (Anwendungsmanager) -> Tippen auf gewünschte App -> Speicher > Cache leeren.

Ist der Cache geleert, muss die App beim nächsten Start die Daten wiederherstellen, die zur Nutzung notwendig sind. Sie startet dann einmalig etwas langsamer.

Mythos 2: Arbeitsspeicher und Hintergrundprozesse

Bei Cleaner-Apps ebenfalls sehr beliebt: Hintergrundprozesse beenden, damit wieder Platz im Arbeitsspeicher ist.

Der Arbeitsspeicher (RAM) ist der Teil des Gerätespeichers, der Daten sehr schnell verarbeiten kann, aber alles „vergisst“, sobald die Stromzufuhr endet. Wenn eine App im Arbeitsspeicher auftaucht, ist sie schnell ansprechbar.

Dass der RAM möglichst leer sein soll, ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Im Gegenteil: Android ist so konzipiert, dass dieser Speicher möglichst voll ausgelastet ist.

Darum kümmert sich das Android-Betriebssystem ganz von selbst. Wenn man eine neue Anwendung startet und es ist nicht mehr ausreichend RAM verfügbar, schließt das Android-System die am längsten aktiven und unwichtigsten Anwendungen der Reihe nach.

Diese automatische Speicherverwaltung ist inzwischen sehr ausgereift und achtet zum Beispiel darauf, Messenger, die stets laufen sollen, nicht zu schließen. Lässt man eine Cleaner-App auf den Arbeitsspeicher los, besteht das Risiko, dass wichtige Hintergrundprozesse beendet werden.

WhatsApp-Nachrichten oder Snapchats werden in diesem Fall erst wieder empfangen, wenn der Nutzer die App manuell öffnet. Zudem wird das Gerät langsamer, wenn man den Arbeitsspeicher radikal leert.

Ausnahme ist der Fall, dass sich eine App aufgehängt hat. Dann kann und soll man auch ihre Hintergrundprozesse manuell beenden. Das geht in den Einstellungen unter Apps -> Tippen auf gewünschte App -> Beenden erzwingen.

Schlechter Ruf – zu Recht

Aber nicht nur wegen des zweifelhaften Nutzens genießt die Cleaner-Verwandtschaft nicht den besten Ruf.

Weitere Kritikpunkte: Viele der Anwendungen sind mit Werbung überladen, fordern übermäßig viele Berechtigungen und stehen im Verdacht, Nutzerdaten auszuspionieren. Zudem sind einige Funktionen völlig unglaubwürdig: So verspricht zum Beispiel die App Clean Master, den Prozessor (CPU) zu kühlen. Wie das funktionieren soll, wird allerdings nicht weiter erklärt.

Und: Immer wieder tauchen Cleaner-Apps auf, in denen sich in Wirklichkeit ein Schadprogramm verbirgt.

Unser aktueller Test des Marktführers Clean Master legt nahe, dass die App einem Schadprogramm schon recht ähnlich ist.

Ein paar weiße Schafe

Abschließend stellt sich die Frage, ob es auch positive Ausreißer gibt. In aller Kürze: ja. Einige wenige Apps genießen einen seriösen bis guten Ruf. Ein Beispiel ist SDMaid des deutschen Entwicklers Matthias Urhahn. Diese App lässt die Finger von Systemprozessen und verlegt sich hauptsächlich auf das Löschen von nicht benötigten Dateien, um Speicherplatz frei zu machen. Das kann unter Umständen sinnvoll sein.

Tatsächlich können sich nämlich auch bei Android solche Datenreste ansammeln. Manche Apps legen Ordner auf der SD-Karte an, die dann beim Deinstallieren nicht vollständig entfernt werden.

Auch können sich Dateien doppeln, oder Apps legen Ordner an, die nie gebraucht werden. Solche Dateien findet SDMaid und löscht sie. Die App blendet außerdem keine Werbung ein, sondern finanziert sich durch eine Premium-Version.

Fazit

Dem Android-System schaden die meisten der Cleaner-Apps zwar nicht direkt, der Nutzer zieht daraus aber auch keine Vorteile. Auch Apps mit hohen Download-Zahlen können zudem zwielichtige Aktionen im Hintergrund ausführen, wie unser aktueller Test zeigt.

Wer auf Nummer sicher gehen will, nutzt also besser die Android-internen Reinigungswerkzeuge, anstatt auf sinnlose Apps von Drittanbietern zurückzugreifen.

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