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Apps bei Depression: Sensible Daten sicher verpackt?

Apps bei Depression
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Jedes Jahr erkranken rund 5,3 Millionen Menschen in Deutschland an Depression. Kein Wunder, dass auch App-Entwickler die Volkskrankheit für sich entdeckt haben. Doch können Apps bei Depression helfen? Und wann sollte man besser die Finger davon lassen?

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Datenschutz · Drittanbieter · Gesundheits-Apps · Werbung
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Große Auswahl, große Qualitätsunterschiede

Das Angebot in den App-Stores zum Thema Depression ist groß und die Qualität sehr unterschiedlich.

So gibt es Apps und Programme, die in Zusammenarbeit mit Medizinern und nach wissenschaftlichen Standards entwickelt und getestet wurden, wie etwa die kostenlose App „Moodpath“ von dem Berliner Unternehmen Mindrise Labs GmbH oder das kostenpflichtige Online-Programm „Deprexis 24“ der Hamburger GAIA AG.

Es gibt auch Angebote von nichtkommerziellen Anbietern, etwa die Enke-App der Robert-Enke-Stiftung, oder das Online-Tool „iFight Depression“ von der Europäischen Allianz gegen Depression (EAAD), welches auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe empfiehlt.

Diese Apps sind werbefrei und den Anbietern kann man durchaus gute Absichten und fachliche Kompetenz unterstellen. Allerdings ist der gute Name keine Garantie für eine saubere Programmierung. So überträgt die Enke-App zum Beispiel bestimmte Daten unverschlüsselt (siehe Abschnitt Kostenlose Apps im mobilsicher-Datencheck).

Neben durchaus seriösen, wenn auch nicht medizinisch geprüften Angeboten wie „Arya Companion“ von der Berliner ARYA mHealth UG gibt es auch viele Apps mit offensichtlich unseriösem Hintergrund. So ist die App „Depression Test“ des Anbieters „Progressive Programming“ nicht nur mit Werbung gespickt, es gibt auch keinerlei Impressum oder Informationen zum Anbieter. Von solchen Produkten raten wir dringend ab.

Apps als Wegweiser in die Behandlung

Was können Apps bei Depression leisten? Ein großes Problem bei Depression ist, dass sich viele depressive Menschen nicht oder zu spät behandeln lassen.

Dabei ist die Krankheit durchaus therapierbar. Laut einer Langzeitstudie (Keller, 2001) gewinnen 63 Prozent der depressiven Patienten nach sechs Monaten in medizinischer Behandlung ihre gewohnte Leistungsfähigkeit zurück, nach zwölf Monaten sind es 76 Prozent.

Grund für die niedrige Behandlungsquote ist einerseits, dass eine Depression nicht immer leicht zu erkennen ist – das Krankheitsbild ist nicht einheitlich. Andererseits ist Depression noch immer tabubesetzt und wird oft schlicht verschwiegen.

Bei diesem Problem können Apps gute Dienste leisten, meint der Berliner Psychiater Dr. Gerd Benesch, der mit Online-Programmen als Ergänzung zur Therapie gute Erfahrungen gemacht hat. „Wer große Scheu vor der direkten Kontaktaufnahme mit einem Therapeuten hat, kann sich damit langsam herantasten.“

Der Selbsttest als zentrales Instrument

Ein wichtiges Element vieler Apps ist hierfür der Selbsttest, mit dem man abschätzen kann, ob man betroffen ist. Tatsächlich arbeiten auch Therapeuten für die Erstdiagnose mit solchen einfachen, standardisierten Fragebögen, bei denen man die eigenen Symptome einschätzt.

Etabliert ist zum Beispiel das Becks Depressions-Inventar-II (mit 21 Fragen, 2009) oder die Allgemeine Depressionsskala (Hautzinger et. al., 2012, mit 20 Fragen). Abgefragt werden dabei etwa Schlaf, Appetit, Niedergeschlagenheit oder das Gefühl von Wertlosigkeit. Inwiefern eine App auf diese validierten Verfahren oder auf Abwandlungen davon zurückgreift, ist allerdings nicht immer nachvollziehbar. Keine der von uns geprüften Apps machte dazu eindeutige Angaben.

Notfall-Nummern und Hilfsangebote

Sinnvoll ist auch ein niederschwelliges Kontakt-Angebot für Krisensituationen. So bieten etwa die Apps „Arya“ und „Moodpath“ die Nummer der Telefonseelsorge an, die man direkt aus der App anrufen kann. Die „Enke-App“ der Robert-Enke-Stiftung bindet die Nummer einer Beratungshotline speziell für Menschen mit Depressionen ein, die die Stiftung gemeinsam mit der RWTH Aachen eingerichtet hat.

Prinzipiell bewerten wir Informationen zu möglichen Anlaufstellen und Hilfsangeboten in solchen Apps positiv. Denn erfahrungsgemäß wissen viele Betroffene nicht genau, wohin man sich wenden kann oder trauen sich nicht, zu fragen.

Allerdings kommt es hier auf die Details an. Die App „Moodpath“ verweist etwa auf Angebote für Privatpatienten und Selbstzahler, mit direkter Buchungs-Option.

Das vermittelt den falschen Eindruck, dass die Behandlung bei Depression eine Frage des eigenen Kontostandes sei – und ist damit höchst problematisch. Auf Nachfrage von mobilsicher.de versicherte „Moodpath“-Gründer Mark Goering, dass keine Geschäftsbeziehungen mit den empfohlenen Angeboten bestehen oder geplant sind. Weitere Empfehlungen aus der Regelversorgung seien in Arbeit.

Therapie-Begleitung mit Stimmungsprotokollen

Apps können auch die eigentliche Therapie unterstützen. So ist ein zentrales Instrument bei den klassischen Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie das konsequente Reflektieren der eigenen Beschwerden und Muster per Stimmungsprotokoll. Entscheidender als eine bestimmte Form des Protokolls ist hier die Regelmäßigkeit.

Diese können Apps durch ihre Erinnerungsfunktion unterstützen. Die meisten Apps bieten solche Stimmungsprotokolle und regelmäßige Erinnerungen an, darunter „Moodpath“, „Arya Companion“ und „iFight Depression“.

Stimmungs-Barometer in der Moodpath-App / Foto: Moodpath

Therapie-Begleitung durch positive Verhaltensänderung

Ein weiteres Ziel der kognitiven Verhaltenstherapie ist die Förderung von Erfolgserlebnissen und die Veränderung der Stimmung durch positive Aktivitäten. „Die Inhalte der therapeutischen Strategien bei Depression sind auf Verhaltenskorrektur ausgerichtet“, kommentiert Gerd Benesch.

Er empfiehlt seinen Patienten hierfür zum Beispiel das Programm „Deprexis 24“, das sehr differenziert angelegt ist. Es es macht dem Nutzer Vorschläge für Aktivitäten und Reflexionsübungen.

Dabei lernt es, was sein Anwender „für ein Typ ist“. Auch andere Apps wie „Arya“ oder „iFight Depression“ greifen den Ansatz auf, indem sie zum Notieren wohltuender Tätigkeiten und zu deren Umsetzung auffordern.

Medizinischer Nutzen von Apps nachweisbar?

Verschiedene Studien zeigen, dass sogenannte computerbasierte Interventionen „in einem Ausmaß zu einer klinischen Verbesserung der Symptomatik führen, das dem Ausmaß von Face-to-Face-Therapien entspricht“.

Solche „computerbasierten Interventionen“ können zum Beispiel regelmäßige Aufforderung der App sein, die eigene Stimmung zu protokollieren oder Vorschläge für hilfreiche Aktivitäten.

Die Wirksamkeit des Programms „Deprexis24“ konnte in klinischen Studien nachgewiesen werden. (Quelle: S3-Leitlinie)

Kein Ersatz für den Therapeuten

Aus Beneschs Sicht haben digitale Programme einige „große Vorteile“. Erstens: Jeder kann sie jederzeit nutzen. Zweitens: Die manchmal monatelange Wartezeit auf einen Therapieplatz kann durch die App-Nutzung überbrückt werden. Drittens: Wer regelmäßig zur Gesprächstherapie geht, bleibt auch in den therapiefreien Tagen besser am Ball.

Doch wie alle wirksamen Behandlungsmethoden können auch Apps unerwünschte Nebenwirkungen haben. „Wenn der Patient nur noch vor seiner App sitzt und gar nicht mehr rausgeht, wäre das eine Katastrophe“, meint Benesch. „Es darf nie der Glaube entstehen, die Nutzung würde echte Kontakte ersetzen.“

Eine App sollte zudem niemals eine Therapie bei einem Arzt oder Psychologen ersetzen. Daher sind einige Programme auch nicht frei im App-Store erhältlich, sondern nur über medizinisches Fachpersonal, wie zum Beispiel „iFight Depression“.

Auch sollten Online-Tools keinesfalls als Lösung für Probleme in der medizinischen Versorgung insgesamt gehandelt werden: Die Wartezeit auf einen Therapieplatz mit einer App zu überbrücken, ist ein guter Ansatz, besser wäre aber eine Verkürzung der Wartezeit selbst.

Wie datensicher sind Apps bei Depression?

Eine App oder ein Online-Programm gegen Depression erfährt viele gesundheitliche Details seines Nutzers. Schon allein die Information, dass jemand wegen Depression in Behandlung ist, könnte sich negativ auswirken, wenn sie zum Beispiel zu einem potentiellen Arbeitgeber oder zu Versicherungsunternehmen gelangt.

Wer eine entsprechende App auf seinem Smartphone installiert, sollte bedenken, dass jede andere App auf demselben Gerät diese App „sehen“ kann – auf die Information, welche Programme noch installiert sind, kann jede App zugreifen. Dafür ist keine extra Berechtigung nötig und als Nutzer erfährt man nicht, ob eine App diese Information abfragt.

Vor der Installation einer App oder der Registrierung für ein Online-Programm sollte man sich darüber hinaus informieren, wer der Anbieter ist und was sein Interesse sein könnte.

„Leistung gibt es entweder gegen Geld oder gegen Daten“, erklärt Andre Döring, Professor für Wirtschaftsinformatik und Datenschutzexperte, der die Stiftung Deutsche Depressionshilfe ehrenamtlich zu Datenschutz-Fragen berät. Zahlt der Nutzer nicht selbst für das Angebot, sollte das Geschäftsmodell der App geklärt werden – sonst ist zu befürchten, dass der Nutzer mit seinen Daten zahlt.

Auch Werbung als Geschäftsmodell ist in diesem Fall problematisch. Denn dabei sind meist sogenannte Drittanbieter eingebunden, die stets Nutzerdaten aus der App erhalten, in der sie eingebunden sind. Zumeist ist das mindestens ein Identifikationsmerkmal, etwa die Werbe-ID und die Information, welche App genutzt wird.

Weil die Information „dieser Nutzer verwendet einen Depressionsratgeber“ derart aussagekräftig und heikel ist, empfehlen wir, von werbefinanzierten Angeboten Abstand zu nehmen.

Kostenlose Apps im mobilsicher-Daten-Check: Arya, Moodpath und Enke-App

Ein kurzer Daten-Check von mobilsicher.de ergab, dass keine der getesteten Apps ein optimales Niveau an Privatsphäre und Sicherheit gewährleistet. So übertrug etwa die App „Arya Companion“ zum Zeitpunkt unseres Testes Informationen darüber, wie der Nutzer die App bedient, an Google Analytics – darunter auch Nutzerangaben aus dem App-internen Fragebogen.

Nach einem Hinweis auf diese Praxis von mobilsicher.de reagierten die Betreiber von Arya Companion sofort und aktualisierten die App: Die Übertragung von Daten an Google Analytics ist nun vorübergehend eingestellt, bis eine „optimale Lösung“ gefunden sei.

„Moodpath“ und die „Enke-App“ binden mehrere Drittanbieter ein (darunter onesigna.com, branch metrics, crashlytics, Google und Facebook), die alle zumindest einige Hardwaredaten und die Information erhalten, dass diese App genutzt wird. Bei der Enke-App werden Android- und Werbe-ID an Crashlytics übertragen.

Die „Enke-App“ übermittelt zudem bestimmte Aktivitäten des Nutzers unverschlüsselt an das Blog der Stiftung. Andere Nutzer eines öffentlichen WLANs können also unter Umständen „mithören“, wenn eine Person in der „Enke-App“ ein Quiz zum Thema Depression macht.

Die Robert-Enke-Stiftung reagierte auf unsere Nachfrage zu diesen Punkten und erklärte, an einer Lösung zu arbeiten.

 

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