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Apps auf Rezept?

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Es gibt hunderte Apps die versprechen, bei der Diagnose und Therapie von Krankheiten zu helfen. Auch die Krankenkassen haben das bemerkt und erstatten schon die eine oder andere. Aber prüfen die Kassen auch, ob diese Apps sicher sind? Wir haben nachgefragt.

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Gesundheits-Apps
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App per Verschreibung: Gibt es das überhaupt?

Medienberichte erwecken oft den Eindruck, eine digitale, medizinische „Revolution“ durch Apps stehe kurz bevor. Doch in der regulären medizinischen Versorgung sind Apps noch kaum angekommen.

Schaut man sich das härteste Kriterium an, die Kostenübernahme durch Krankenkassen, zeigt sich: Selbst die größten Kassen haben nur ein oder zwei solcher Versorgungs-Apps im Angebot.

Die bekannteste Vorreiterin ist hier vermutlich die App Tinnitracks. Das Programm der Hamburger Sonormed GmbH soll bei bestimmten Arten von Tinnitus helfen, indem es Musik speziell an die jeweiligen Tinnitusfrequenzen anpasst und so die verantwortlichen, überempfindlichen Nervenzellen beruhigt.

Die App, für die normalerweise monatlich 19 Euro anfallen, wird derzeit von mehreren Krankenkassen in Modellprojekten erstattet, darunter die TK, DAK, KKH und die Allianz. „Verschrieben“ wird sie bei der TK beispielsweise in Form von Gutscheincodes, die HNO-Ärzte in fünf Bundesländern an ihre Patienten geben können.

Solche medizinischen Apps, die als Kassenleistung erstattet werden, sind nicht zu verwechseln mit den vielen Apps, die auf den Webseiten der Kassen verlinkt sind oder zum Download bereitstehen.

Bei diesen handelt es sich meist um Service- oder Lifestyle-Programme, etwa eine mobile Aufbereitung der Webseite, eine Arztsuche-Funktion oder eine App, die allgemein bei einem gesunden Lebensstil helfen soll.

Diese Gesundheitsapps werden von Kassen schon getestet

Die TK, die größte gesetzliche Krankenkasse, bietet mit Tinnitracks zurzeit für eine medizinische App ein Kostenübernahme-Modell an. Wir haben uns zudem angeschaut, wie es bei der zweitgrößten gesetzlichen Kasse Barmer aussieht sowie bei der Debeka, der Nummer eins bei den privaten Kassen.

Barmer

  • M-Sense: Die Migräne-App identifiziert Einflussfaktoren für die Entstehung von Kopfschmerzen und will so anstehende Attacken vorhersagen. Steht eine Kopfschmerzattacke bevor, zeigt die App Gegenstrategien auf. Anbieter ist die Berliner Newsenselab GmbH. Das erst in diesen Tagen startende Barmer-Projekt ist eine Zusammenarbeit mit der Telekom und gilt nur für Telekom-Mitarbeiter aus teilnehmenden Unternehmensbereichen.
  • Mimi Hörtest App: Versicherte können mit dieser App einen Hörtest machen. Mimi Music vom gleichen Anbieter passt von Patienten gehörte Musik dann an und erhöht selektiv die Lautstärke der Frequenzen, bei denen man schlechter hört. Anbieter ist die Berliner Mimi Hearing Technologie GmbH.

Debeka

  • Accu-Chek View: Patienten mit Diabetes vom Typ 2 können Parameter wie Blutzucker, Blutdruck oder Gewicht aufzeichnen und aufbereiten lassen und einen Medikationsplan mit Erinnerungsfunktion anlegen. Anbieter ist die Roche Diabetes Care Deutschland GmbH aus Mannheim, eine Tochter des Schweizer Pharmariesen Hoffmann-La Roche. Accu Chek ist eine Roche-Marke mit verschiedenen Diabetesprodukten. Bei der technischen Umsetzung der App arbeitet das Unternehmen Roche mit SAP zusammen.

Welche Apps werden erstattet? Vorgabe Sozialgesetzbuch

Wie entscheiden Kassen nun, für welche App sie zahlen und welche Rolle spielt dabei der Umgang mit den sensiblen Daten, die bei der Nutzung anfallen?

„Nach der Sozialgesetzgebung kann eine App dann erstattet werden, wenn sie einen medizinischen Nutzen nachgewiesen hat“, meint Daniel Freudenreich aus der Abteilung Unternehmenskommunikation der Barmer.

Das allerdings setze nicht grundsätzlich voraus, dass wissenschaftliche Studien vorliegen. Die Intervention bei einer drohenden Kopfschmerzattacke bestehe bei der App M-Sense beispielsweise in der „Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson“. Bei der Methode handele es sich um ein solide validiertes Konzept.

Aus der Sozialgesetzgebung ergebe sich als Anforderung an Apps neben der fachlichen Qualität des Anbieters zudem auch ein funktionierender Kundensupport.

Eigene Kriterien der Krankenkassen

Weitere eigene Kriterien bei der Barmer sind, dass Apps möglichst Bereiche abdecken, in denen bisher ein Versorgungsdefizit bestand. Zudem sollen die Apps tendenziell für einen großen Personenkreis hilfreich sein und das Potenzial haben, später Teil der regulären Versorgung zu werden.

Grundvoraussetzung für eine Zusammenarbeit sei ebenfalls, dass sich der Serverstandort in Deutschland oder zumindest in der EU befindet, meint Barmer-Sprecher Freudenreich. In keinem Fall habe die Barmer selbst Zugang zu personenbezogenen Daten aus der Nutzung der App. Weiterhin dränge man auf Datensparsamkeit, es sollen nur Daten erhoben werden, die dem Patienten tatsächlich dienen.

Bei Apps, welche die Barmer ihren Versicherten empfiehlt, wirke man vertraglich darauf hin, dass die „Orientierungshilfe zu den Datenschutzanforderungen an App-Entwickler und App-Anbieter“ des Düsseldorfer Kreises beachtet wird. Dabei handelt es sich um die Handreichung eines Zusammenschlusses von Datenschutz-Aufsichtsbehörden.

Eine detaillierte technische Prüfung nehme man jedoch nicht bei jeder App vor, so Freudenreich.

Debeka: mehr Spielraum für private Kassen

„Die Debeka als größte private Krankenversicherung in Deutschland erhält viele Anfragen zu Medizin-Apps und der Digitalen Gesundheit“, meint ein Sprecher der Pressestelle. Das Sozialgesetzbuch gelte nicht in der gleichen Form für private Kassen, Grundlage der Entscheidung seien vor allem die mit den Mitgliedern geschlossenen Versicherungsverträge.

Die Debeka prüfe jede Kooperationsanfrage einer App individuell. Als Kriterien nennt der Sprecher, dass die App medizinisch sinnvoll sein muss und die Nützlichkeit wissenschaftlich belegt ist. Beim konkreten Fall, der Diabetes-App Accu-Chek View, sei ihnen wichtig gewesen, dass der Anbieter über langjährige Erfahrung im Bereich der Diabetesversorgung verfüge.

Auch beim Umgang mit Daten gibt es feste Kriterien bei der Debeka. So gebe es bei allen Verträgen mit externen Gesundheitsdienstleistern eine eigene datenschutzrechtliche Prüfung. Bei Accu-Chek sei es so, dass die Server in Deutschland stehen und die Daten bei der Verarbeitung nicht das Land verlassen. Und auch die Kasse selbst bekomme keine Einblicke: „Weder Dritte noch die Debeka haben Zugriff auf die Daten, die Versicherte im Rahmen des Programms hinterlegen“, so der Sprecher.

Entwicklung erst am Anfang

Die App Accu-Chek View ist erst seit 2016 Teil des Diabetesprogramms der Debeka. Bis jetzt haben 13 Versicherte die App genutzt. Bei den beiden Mimi-Apps konnte die Barmer immerhin 130.000 Downloads verzeichnen. Das Barmer-Pilotprojekt mit M-Sense beginnt gerade erst Ende November. Das Projekt der TK mit dem medizinischen Vorzeige-App Tinnitracks läuft seit Ende 2015 und beschränkt sich bisher nur auf die Bundesländer Bayern, Hessen, Baden-Württemberg, Hamburg und NRW. Zur Nutzung sagt Silvia Wirth von der Pressestelle der TK, dass man in diesem Jahr die Tausendermarke geknackt habe.

Dass Apps großflächig Teil der Regelversorgung werden und vielleicht sogar in Teilen den Kontakt mit Ärztinnen und Ärzten ersetzen, ist also noch Zukunftsmusik. Die Frage, wie verlässlich sich der Umgang mit sensiblen medizinischen Daten durch externe technische Dienstleister tatsächlich regeln lässt, wird dann erst richtig aufkommen.

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