News vom 15.09.2017

Zahlen: Abzocke per Handyrechnung

Ein Artikel von , veröffentlicht am 15.09.2017

Unbekannte Posten auf der Handyrechnung sind ein altes Problem. Aber nur ein kleines, sagen die Mobilfunkbetreiber. Nun haben die Verbraucherzentralen Zahlen vorgelegt. Danach waren fünf Prozent aller Mobilfunknutzer in den letzten drei Jahren betroffen.

Manche Dinge kann man per Mobilfunknummer bezahlen. Die Kosten werden dann mit der nächsten Handyrechnung eingezogen. Dieses Verfahren ist unter dem (veralteten) Begriff WAP-Billing oder auch Direct-Carrier-Billing (DCB) bekannt.

Seit es Mobilfunk gibt, gibt es Beschwerden darüber, dass mit WAP-Billing betrogen wird. Doch wie häufig passiert das wirklich? Ist es ein gravierendes Problem, wie Verbraucherschützer stets behaupten, oder sind es nur wenige schwarze Schafe, wie die Telekommunikationsunternehmen regelmäßig beteuern?

Mit der Befragung "Der unbekannte Dritte" der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein kommen jetzt erstmals einigermaßen belastbare Zahlen zutage – und die sind erschreckend.

Geschätzter Schaden: Siebzig Millionen Euro

Von 1.442 befragten Mobilfunknutzern berichteten rund acht Prozent, dass ihnen innerhalb der zurückliegenden drei Jahre ein Drittanbieter eine Leistung über das Zahlverfahren WAP-Billing in Rechnung gestellt hat, beispielsweise für eine Spiele-App. Mehr als zwei Drittel dieser Personen gaben an, diese unwissentlich geordert zu haben.

Nur ein Drittel hatte sich bewusst und absichtlich für den Vertrag entschieden. Demnach hatten rund fünf Prozent aller Mobilfunknutzer in den drei Jahren vor dem Befragungszeitpunkt (August 2016) ungewollte Drittanbieterkosten auf der Handyrechnung.

Den Schaden für deutsche Mobilfunknutzer in den drei Jahren schätzen die Autoren der Studie auf siebzig Millionen Euro.

Für besonders heikel halten sie die Lage bei Kunden mit Prepaid-Verträgen. Diese haben keinen automatischen Anspruch auf eine Rechnung und auch nicht auf einen Einzelverbindungsausweis. Somit ist es für sie schwieriger, Betrugsfälle zu entdecken.

Sicherungsmaßnahmen nicht vollständig

Seit 2015/2016 hat die Mobilfunkbranche sukzessive das so genannte Redirect-Verfahren eingeführt, das Verbraucher eigentlich vor betrügerischen Abbuchungen per WAP-Billing schützen soll. Als Teil der Brancheninitiative „Clean Market“ werden Verbraucher dabei stets auf eine Bezahlseite weitergeleitet, die sich unter der Kontrolle des Mobilfunkanbieters befindet.

Die Seite klärt rechtlich korrekt über den Vertrag des Drittanbieters und dessen Bedingungen auf. Erst wenn die Kunden dort der Buchung zustimmen, wird diese tatsächlich getätigt.

Das hilft nach Einschätzung der Verbraucherschützer durchaus gegen einige Betrugsmaschen. Seit der Einführung des Redirect ist die Zahl der Beschwerden spürbar zurückgegangen. Es schützt aber nicht vollständig. Als Gründe nennen sie zum einen, dass das Verfahren nicht überall eingesetzt wird. Zum anderen könne es durch automatische Zugriffe, die etwa von betrügerisch agierenden Smartphone-Apps ausgehen, ausgehebelt werden.

Voreingestellte Drittanbietersperre

Nach wie vor fordern die Verbraucherschützer die standardmäßig voreingestellte Drittanbietersperre für Mobilfunkgeräte. Verbraucher und Verbraucherinnen müssten dann zunächst selbst aktiv werden und die Sperre aufheben, wenn sie Drittanbieterleistungen in Anspruch nehmen wollen.

Die Telekommunikationsanbieter lehnen eine solche Regelung strikt ab. Ein entsprechendes Gesetzesvorhaben wurde zwar immer wieder diskutiert, aber bisher nicht vom Gesetzgeber umgesetzt.

Die Autoren der Studie verweisen allerdings auf die aktuelle rechtliche Dynamik. Am 27. April 2017 hat der Bundestag die Bundesnetzagentur beauftragt, ein für alle Telekommunikationsanbieter verbindliches Verfahren zu entwickeln, dass Verbraucher tatsächlich effektiv schützen soll.

Geschrieben von

E-Mail

mey@jb-schnittstelle.de

PGP-Key

0x3D753571A5FEF1F4

Fingerprint

89A8 1651 BB1F 49E0 7F6E 610D 3D75 3571 A5FE F1F4

Stefan Mey

Stefan Mey ist freier Autor für verschiedene spezialisierte IT-Magazine und für die Technologie-Ressorts IT-ferner Medien. Er interessiert sich für die Auswirkungen von Technologie auf Alltag, Gesellschaft und Politik. Vor allem hält er es für wichtig, die sich überschlagenden Entwicklungen im mobilen Internet fundiert und kritisch zu begleiten. Bis November 2018 hat er das mobilsicher-Team als Redakteur unterstützt.

Weitere Artikel

App-Test 

Dating-App Tinder im Test (iOS): Nichts für Geheimnisse

Tinder ist eine kommerzielle Dating-App, die das Kennenlernen von Personen in der Umgebung ermöglicht. Wer „tindert“, gibt sensible Daten in sein Smartphone ein. Unser Test auf iOS zeigt, wie die Betreiber der App mit diesen Daten umgehen.

Mehr
Ratgeber 

Sicherheits-Desaster: Mail-Apps übertragen Passwörter

In eine Mail-App kann man seine E-Mail-Konten einbinden, in dem digitalen Briefkasten finden sich dann alle Mails auf einen Blick. Unsere Tests ergaben: Die Apps Blue Mail, TypeApp und MyMail übermitteln die Zugangsdaten für die verknüpften Konten an ihre Hersteller. Das ist so unnötig wie skandalös.

Mehr
YouTube-Video 

Was bringen Systemoptimierer-Apps?

Systemoptimierer- oder auch Cleaner-Apps machen das Smartphone angeblich schneller und sicherer. Die meisten dieser Apps nützen allerdings wenig bis nichts. Wir erklären den Hintergrund und wie man sein Smartphone oft auch ohne App von Fehlern im System befreien kann.

Ansehen
Ratgeber 

Security desaster: Blue Mail app and other email apps transmit login credentials

This article was originally published 7.3.2018 and refers to Version 1.9.3.20 of the blue mail app unless indicated differently Update (8.3.2018): Blue Mail Inc. has rolled out another Update, to version 1.9.4.2. In this version, we did not observe transmission of password and username with a connected gmx account. It all started with a test […]

Mehr