News vom 11.04.2018

„Schutzranzen“: fragwürdiges Kinder-Tracking per App

Ein Artikel von , veröffentlicht am 23.01.2018, bearbeitet am11.04.2018

Der „digitale Schutzranzen“ will Eltern von Grundschulkindern helfen, den Standort Ihrer Kinder per Smartphone zu verfolgen und sie im Verkehr zu schützen. Das Konzept ist nicht neu. Nach einem offenen Brief des Vereins Digitalcourage regt sich nun aber Kritik. Update (11.04): Der Anbieter der Schutzranzen-App, die Coodriver GmbH, hat inzwischen ausführlich zur Kritik von Digital Courage Stellung genommen.

Update (11.4): Unter anderem liefert die Firma eine genaue und plausible Erklärung für die Verbindungen, welche die App zu den Servern verschiedener Firmen aufbaut. Coodriver weist auch darauf hin, dass der Nutzer des überwachten Gerätes diese Überwachung jederzeit beenden kann.

Einige Schwachstellen, über die hinterlegte Nutzerdaten möglicherweise angreifbar waren, hat der Hersteller ebenfalls behoben. Ob die App wirklich zur Verkehrssicherheit beiträgt, kann man zwar immer noch bezweifeln. Einen fahrlässigen Umgang mit Daten von Kindern kann man dem Hersteller mit den vorliegenden Informationen jedoch nicht nachsagen.

 

Das Prinzip funktioniert mit zwei Apps: Die eine App, der „Schutzranzen für Ihre Kinder“ erhebt die Positionsdaten des Gerätes, auf dem sie installiert ist. Diese Daten stehen dann zwei Nutzergruppen zur Verfügung.

Wer die zugehörige App "Schutzranzen für Eltern und Autofahrer" installiert hat, erhält optische und akustische Hinweise, sobald sich ein Handy mit aktiver "Schutzranzen für Kinder"-App im Umkreis von 150 Meter befindet. Zudem zeigt die App Grundschulen an und sendet einen Hinweis, wenn man sich in deren Nähe befinden. Gedacht ist dieser Nutzungsfall für Autofahrer, die gewarnt werden wollen, wenn sich Kinder in der Nähe befinden.

Tracking-Funktion bei Schutzranzen-App

Man kann die App "Schutzranzen für Eltern und Autofahrer" auch mit einem bestimmten Handy verbinden, auf dem die Kinder-App läuft. Dann kann man sich die genauen Positionsdaten von diesem Handy anzeigen lassen. Gedacht ist dieser Nutzungsfall für Eltern, die wissen wollen, wo sich ihr Kind gerade aufhält. Um die beiden Geräte zu verbinden, muss man physischen Zugriff auf beide Geräte haben.

Hinter den Schutzranzen-Apps steht die Müncher Coodriver GmbH. Sie wirbt mit dem Argument, dass Schulkinder durch den „digitalen Schutzranzen“, den die App darstelle, vor Unfällen geschützt würden.

Prominente Partner

Es gibt viele Apps dieser Art. Doch der "Schutzranzen" wird oder wurde von namhaften Unternehmen gesponsert und gefördert, darunter die Telekom und Volkswagen. Der Schulranzenhersteller Scout ist inzwischen kein Sponsor mehr. Im September 2017 verkündete die Stadt Ludswigsburg im Umfeld der Internationalen Automobil-Ausstellung eine Zusammenarbeit mit dem Anbieter, deren Ziel sei es, „als erste Stadt in Deutschland eine flächendeckende Verbreitung der Schutzranzen-App“ zu erreichen.

Nicht zuletzt deshalb hat nun der Verein Digitalcourage e.V. die App näher untersucht und damit eine Diskussion angestoßen. Der Verein hält es für prinzipiell problematisch, dass Eltern so ermutigt werden, ihre Kinder per Smartphone zu tracken. „Es ist falsch, Kinder mit vernetzten Gegenständen zu überwachen“, heißt es in einem Blogpost des Vereins.

Fragwürdiger Umgang mit Daten

Der Verein hält auch den Umgang der App mit Daten für fragwürdig. Tests hätten gezeigt, dass sich die Apps mit den Servern verschiedener Unternehmen verbinden, darunter die US-Konzerne Google, Facebook, Microsoft, Akamai und Amazon, sowie das deutsche Unternehmen 1&1. Zudem würden ungekürzte IP-Adressen an Google-Server in den USA weitergeleitet. Die Datenschutzbestimmungen würden über diese Datenweitergabe nicht genügend aufklären.

Die niedersächsische Datenschutzbeauftragte Barbara Thiel bezeichnete das Projekt gegenüber dem IT-Portal Heise online als „gesellschaftspolitisch kritisch zu hinterfragen“. Ihr Baden-Württemberger Kollege Stefan Brink meinte: "Auch Kinder müssen das Recht haben, sich abhängig von ihrem Alter unbeobachtet fortbewegen zu können." Zudem zweifelte er an, dass die App tatsächlich für mehr Verkehrssicherheit sorge.

Digitalcourage fordert wegen der Datensicherheitsmängel eine Deaktivierung der App, bis die Probleme behoben sind. Zudem fordert der Verein in einem offenen Brief VW auf, seine Kooperation zu beenden und das „Kinder-Tracking“ zu stoppen.

Geschrieben von

Stefan Mey

Stefan Mey ist freier Autor für verschiedene spezialisierte IT-Magazine und für die Technologie-Ressorts IT-ferner Medien. Er interessiert sich für die Auswirkungen von Technologie auf Alltag, Gesellschaft und Politik. Vor allem hält er es für wichtig, die sich überschlagenden Entwicklungen im mobilen Internet fundiert und kritisch zu begleiten. Bis November 2018 hat er das mobilsicher-Team als Redakteur unterstützt.

Weitere Artikel

Ratgeber 

So funktioniert Datenübertragung per NFC

NFC steht für Nahfeldkommunikation und ermöglicht den kabellosen Austausch von Daten zwischen Geräten oder Datenträgern. Die Technik kommt etwa beim Bezahlen an der Supermarktkasse und beim Übertragen von Smartphone-Dateien zum Einsatz. Wir erklären, wie sie funktioniert.

Mehr
YouTube-Video 

Notfallpass auf dem Handy – alle wichtigen Infos

Ob bei einem Unfall oder einem plötzlichen Kreislaufzusammenbruch - wenn Menschen gerettet werden müssen, ist der Notfallpass auf dem Smartphone eine wichtige Hilfe. Im Video erfahren Sie, wie Sie ihn nutzen können - und worauf es beim Eintragen der eigenen Daten ankommt.

Ansehen
Ratgeber 

App-Stores für Android: Sie haben die Wahl

Beim Android-Betriebssystem können Nutzer ihre Apps aus unterschiedlichen Quellen beziehen. Meist ist der Play-Store von Google die erste Wahl. Es gibt aber lohnenswerte Alternativen. Das Risiko ist überschaubar – wenn man ein paar Regeln beachtet. Wir stellen die wichtigsten Angebote vor.

Mehr
YouTube-Video 

Corona-Virus: Welche Apps helfen mit Infos?

Das Corona-Virus ist nonstop in den Nachrichten. Aber gibt es auch eine App, die bei Ablauf und Orga hilft, wenn man das Virus hat (oder den Verdacht)? Wir haben uns für Sie auf die Suche gemacht - bei Android und iOS.

Ansehen