News vom 02.05.2018

Messenger: Amazon und Google behindern Zensur-Umgehung

Ein Artikel von , veröffentlicht am 02.05.2018

Amazon und Google boykottieren faktisch die Anti-Zensurmaßnahmen der Smartphone-Messenger Telegram und Signal. Die leiten den Datenverkehr ihrer Apps über die Cloud-Dienste großer IT-Konzerne. Dieses „Domain Fronting“ ließ bisher Blockaden einzelner Länder ins Leere laufen.

Dank Domain Fronting funktioniert Telegram trotz Zensur auch in Russland weiterhin. Mitte April 2018 hat ein russisches Gericht die Blockade der Messenger-App angeordnet. Der Grund: Die Entwickler verweigern die Zusammenarbeit mit dem russischen Geheimdienst FSB. Trotzdem ist die App weiterhin nutzbar. Statt dessen leiden viele andere Onlinedienste unter der Blockade, darunter sind Angebote von Google, aber auch ganz andere, russische Dienste.

Die Behörden haben nach eigenen Angaben einige Millionen IP-Adressen sperren lassen, bei denen sie vermuten, dass diese den Datenverkehr von Telegram transportieren.

Domain Fronting täuscht Zensoren

Für die Umgehung der Zensur nutzt Telegram einen Trick namens Domain Fronting. Dabei lässt die App den Datenverkehr über Cloud-Dienste großer IT-Konzerne laufen. Von außen ist dann nur sichtbar, dass ein Nutzer beispielsweise mit einem Google- oder Amazon-Server Kontakt aufnimmt.

Neben Telegram umgeht momentan auch Signal mit diesem Trick in einigen Ländern Zensur.

Google und Amazon behindern Domain Fronting

Google und Amazon gehen gegen diese Technik allerdings mittlerweile vor. Vor zwei Wochen hat ein Update des Cloud-Dienstes von Google das Domain Fronting unmöglich gemacht, da die Technik gegen die eigenen Richtlinien verstoße. Ende April hat Amazon, der weltweit größte Cloud-Anbieter, in einem Blogpost ein härteres Vorgehen gegen Domain Fronting angekündigt.

Das Unternehmen Open Whisper Systems, das hinter Signal steht, hat Anfang Mai ein Schreiben erhalten, in dem Amazon gedroht hat, den Kunden-Account zu kündigen, wenn Signal den Cloud-Dienst Amazon Web Services weiterhin nutzt, um Datenverkehr zu verschleiern.

Widersprüchliches Verhalten

Domain Fronting über große Cloud-Netzwerke ist eine effektive Methode gegen Zensur. Nicht nur die jeweiligen Unternehmen selbst nutzen die Cloud-Dienste von Amazon und Google, sondern auch viele andere Onlinedienste. Zensurbehörden müssten ein Land entweder von großen Teilen der Internetkommunikation abschneiden – oder zähneknirschend akzeptieren, dass Blockaden ins Leere laufen.

In immer mehr Ländern gibt es Berichte über die Zensur von Apps, auch in Iran ist Telegram seit einigen Tagen verboten.

Indem Amazon und Google Domain Fronting untersagen, kollaborieren sie faktisch mit den Zensurbehörden autokratisch regierter Länder.

Dass sich die großen westlichen IT-Konzerne widersprüchlich verhalten, ist leider nichts Neues. Auf der einen Seite betonen sie gern, wie wichtig eine freie Kommunikation ist. Auf der anderen Seite geben sie dem Druck von Zesurbehörden immer wieder nach.

So hat Apple auf Druck der chinesischen Regierung verschiedene Virtual Private Network-Apps (VPN) aus seinem Appstore verbannt. Diese stellen eine weitere Möglichkeit dar, Datenverkehr zu verschleiern.

Geschrieben von

Stefan Mey

Stefan Mey ist freier Autor für verschiedene spezialisierte IT-Magazine und für die Technologie-Ressorts IT-ferner Medien. Er interessiert sich für die Auswirkungen von Technologie auf Alltag, Gesellschaft und Politik. Vor allem hält er es für wichtig, die sich überschlagenden Entwicklungen im mobilen Internet fundiert und kritisch zu begleiten. Bis November 2018 hat er das mobilsicher-Team als Redakteur unterstützt.

Weitere Artikel

YouTube-Video 

Wrapper: Facebook ohne Facebook-Apps

Facebook verlangt von seinen mobilen Nutzern, das soziale Netzwerk und den Messenger einzeln als Apps zu installieren. Diese Apps kosten jedoch viel Akku und lesen viele Nutzerdaten aus. Wer eine Alternative sucht, die mehr Komfort bietet als die Browser-Version, kann sogenannte „Wrapper“ einsetzen.

Ansehen
YouTube-Video 

Schadprogramme auf dem Handy

Bei Computern sind sie lange bekannt, bei Mobilgeräten auf dem Vormarsch: Schadprogramme. Doch wie groß ist das Problem überhaupt? Braucht man Virenscanner für Smartphones? Und wie wird man eine Infektion wieder los? Diese einfachen Tipps sorgen für mehr Sicherheit.

Ansehen
Ratgeber 

Dieser Beitrag wurde in unser Archiv verschoben

Dieser Beitrag ist nicht mehr aktuell und wurde in unser Archiv verschoben.

Mehr
Ratgeber 

Apples Sprachassistentin Siri: Praktische Wanze?

Siri führt gesprochene Anweisungen auf iOS-Geräten aus. Doch was den einen als Fortschritt gilt, ist für die anderen nichts anderes, als eine Abhörwanze. Wie übergriffig ist der Dienst? Hört Apple mit Siri alle Gespräche mit? Ein Faktencheck.

Mehr