News vom 20.04.2018

BigBrotherAward: Negativpreis für Arbeitnehmer-App Kelaa

Ein Artikel von , veröffentlicht am 20.04.2018

Der BigBrotherAward in der Kategorie „Arbeitswelt“ geht an die App Kelaa, die das Stresslevel und das Schlafverhalten von Arbeitnehmern misst und Ergebnisse an Arbeitgeber übermittelt. Der Vorwurf: Das Konzept ermögliche Unternehmen eine Komplettüberwachung von Angestellten.

Den Negativpreis BigBrotherAwards für problematische Entwicklungen im Bereich Datenschutz verleiht der Verein Digitalcourage e.V. in mehreren Kategorien. Preisträger in der Kategorie „Arbeitswelt“ ist die Soma Analytics UG mit Sitz in der Stadt Bruckmühl bei München mit ihrem Produkt "Kelaa".

Kelaa besteht aus zwei Elementen: die App „Kelaa Mental Resilience“ für Arbeitnehmer sowie das „Kelaa Dashboard“, eine Überblickssoftware für Arbeitgeber.

Die Apps für Android und iOS lassen sich frei herunterladen. Will man sie tatsächlich starten, braucht man aber einen Zugangscode vom Arbeitgeber. Die Apps sind nur nur auf Englisch verfügbar.

Auswertung von Schlaf und Stimme?

Die App verspricht Arbeitnehmern, Stresstoleranz, Wohlbefinden, Schlaf und die Produktivität auf der Arbeit zu verbessern. Dafür stellt sie personalisierte Tipps zum Umgang mit Stress zur Verfügung. Die App gehört auf iOS und Android jeweils zur Kategorie „Gesundheit & Fitness“.

Nach Erkenntnissen des Preis-Laudators Peter Wedde, Professor für Arbeitsrecht an der Frankfurt University of Applied Science, analysiert die App unter anderem die Stimme, um Gefühlsregungen zu erkennen, sowie das Schlafverhalten von Nutzern. Der Beschreibungstext zur App im Play-Store listet explizit einen eingebauten Schlaf-Tracker auf.

Zweifel an Datenschutzversprechen

Kelaa verspricht, dass Arbeitgeber nur anonymisierte und zusammengefasste Informationen bekommen. In seiner Preisrede bezweifelt Wedde das Versprechen allerdings. Kelaa stelle Arbeitgebern in Aussicht, dass sie mithilfe der App-Auswertungen „besonders stressige Abteilungen in ihren Betrieben“ identifizieren können. Das lege nahe, dass sich Informationen doch auf kleinere Einheiten im Unternehmen beziehen lassen. Bis zu einer Identifikation einzelner Mitarbeiter sei der Weg dann unter Umständen nicht mehr weit.

Rundumkontrolle möglich?

Wie verbreitet die App ist, konnte der Laudator nicht in Erfahrung bringen. Erfahrungsberichte überzeugter Arbeitgeber gebe es aus Großbritannien, dort setze unter anderem eine Anwaltskanzlei mit über tausend Mitarbeitern die App ein. Die Android-App steht schon seit April 2014 im Play-Store und kommt allerdings nur auf bescheidene „mindestens 1.000 Downloads“.

Für „preiswürdig“ hält der Laudator das Konzept der App, weil es Unternehmen anrege, ihre Mitarbeiter umfassend zu überwachen:

„Wir sagen: Soma Analytics versucht, Arbeitgebern die Rundumkontrolle des physischen und psychischen Befindens ihrer Beschäftigten zu ermöglichen.“

Antwort von Soma Analytics

In einer Erklärung auf der Firmenwebseite widerspricht die Soma Analytics UG dem Laudator in einigen Punkten. Unter anderem schreiben Sie, dass ein Blick in die Datenschutzerklärung zeige,"dass die Kelaa Smartphone App keinen Zugang auf die Stimme beim Telefonieren zulässt."

Laut Angaben im Play-Store hat die Android-App aber zumindest die Berechtigung, auf das Mikrofon eines Nutzers zuzugreifen.

Zudem schreibt das Unternehmen, dass das Dashboard für Firmen "keinerlei Hinweise auf das seelische Wohlbefinden einzelner Mitarbeiter" erlaube.

Andere Preisträger

Andere Träger des Negativpreises sind:

  • Kategorie „Verwaltung“: die Software Cevisio Quartiersmanagement zur Kontrolle und Überwachung von Menschen in Flüchtlingsunterkünften
  • Kategorie „Technik“: Microsoft Deutschland für eine kaum abstellbare Übermittlung von Diagnosedaten im PC-Betriebssystem Windows 10
  • Kategorie „Verbraucherschutz“: das Lautsprechersystem Amazon Alexa, da es Sprachaufnahmen in der Cloud speichert und so die Überwachung von Haushaltsmitgliedern ermögliche
  • Kategorie „PR & Marketing“: das Konzept „Smart Cities“, das für eine „mit Sensoren gepflasterte, total überwachte, ferngesteuerte und kommerzialisierte Stadt“ werbe
  • Kategorie „Politik“: die Fraktionen der CDU und der Grünen im hessischen Landtag für deren geplantes neues Verfassungsschutzgesetz, das tiefgreifende Überwachungsbefugnisse vorsehe

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Stefan Mey

Stefan Mey ist freier Autor für verschiedene spezialisierte IT-Magazine und für die Technologie-Ressorts IT-ferner Medien. Er interessiert sich für die Auswirkungen von Technologie auf Alltag, Gesellschaft und Politik. Vor allem hält er es für wichtig, die sich überschlagenden Entwicklungen im mobilen Internet fundiert und kritisch zu begleiten. Bis November 2018 hat er das mobilsicher-Team als Redakteur unterstützt.

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