News vom 05.05.2017

Big Brother Awards für übereifrige Datensammler

Ein Artikel von , veröffentlicht am 05.05.2017

Jedes Jahr verleiht der Verein Digitalcourage einen Preis für den besonders miserablen Umgang mit der Privatsphäre von Bürgern oder Nutzern. Dieses Jahr geht die Auszeichnung unter anderem an einen Hersteller von Überwachungstechnologie für Arbeitgeber.

Es gibt Preise, die will keiner haben. Dazu gehören die jährlich verliehenen Big Brother Awards. „Sie sollen missbräuchliche Verwendung von Technik und Information aufzeigen und den Schutz unserer Daten und der Privatsphäre fördern“, schreibt der verleihende Verein Digitalcourage dazu. Er zeichnet in sechs Kategorien die größten Datensammler aus.

Mitarbeiterüberwachung

Einer der Negativpreise ging an die Firma PLT, Planung für Logistik & Transport, die Arbeitgebern beim Datensammeln hilft. Denn Arbeitgeber setzen immer öfter Mobilgeräte ein, um ihre Mitarbeiter zu überwachen. Viele greifen dafür gerne auf das Produkt von PLT zurück.

Der Personal-Tracker von PLT zeigt Arbeitgebern in Echtzeit, wo sich beispielsweise Zeitungsausträger, Briefträgerinnen oder Außendienstmitarbeiter befinden und wie schnell sie sich bewegen. „Diese Totalkontrolle ist menschenunwürdig und sinnlos“, kritisierte Digitalcourage anlässlich der Preisverleihung.

Der nur wenige Zentimeter große Tracker enthält einen GPS-Empfänger, ein Mobilfunkmodem und einen internen Datenspeicher, damit die Bewegungsdaten von Beschäftigten auch dann nicht verloren gehen, wenn das Gerät gerade keinen Empfang hat.

Die zugehörige Software „TrackPilot“ vereinfacht die Überwachung zusätzlich: Sie kann auf integrierten Landkarten die von den Beschäftigten absolvierte Strecke detailliert anzeigen und zusätzlich Statistiken und Einzelauswertungen erstellen.

Jeder Kunde zahlt einen anderen Preis

Ein weiterer Preis ging an das Unternehmen Prudsys. Mit der Software von dieser Firma können Händler für jeden Kunden einen individuellen Verkaufspreis ermitteln. Die Branche nennt das „Dynamic Pricing“, Kritiker sprechen von Preisdiskriminierung, weil einzelne Kunden über den Preis benachteiligt werden.

Für die Preisfestlegung werden alle Daten verwendet, die zu einem Kunden verfügbar sind, zum Beispiel von Kunden- oder Rabattkarten. Diese Daten werden mit allgemein verfügbaren Informationen verknüpft und auf einem digitalen Preisschild angezeigt.

Digitalcourage gibt ein paar praktische Tipps, wie sich Kunden beim Einkauf verhalten sollten: „Wenn Sie eine Reise buchen, nehmen Sie lieber einen Windows-Rechner, statt einen Mac von Apple.“ Denn Online-Portale sehen, mit welchem Gerät Sie sich anmelden. Da Apples Geräte als hochpreisig gelten, gehen Händler davon aus, dass sie einen betuchteren Kunden vor sich haben.

Sie wollen vom Handy buchen? Ganz schlechte Idee - das wird meist richtig teuer, aber wenn, dann besser nicht vom iPhone aus, sondern lieber mit einem Smartphone mit dem Betriebssystem Android“, rät Digitalcourage.

Weitere Preisträger

  • Der IT-Branchenverband Bitkom wurde für seine Lobbyarbeit ausgezeichnet, hinter der laut Digitalcourage hauptsächlich US-Konzerne stehen.
  • Die Technische Universität München (TUM) und die Ludwig Maximilians Universität München (LMU) bekamen den unbeliebten Preis, weil sie gemeinsam mit dem Unternehmen Coursera Online-Unterricht anbieten und das Unternehmen dadurch Noten und Beurteilungen der Studierenden zur Weiterverwertung erhält.
  • Bundeswehr und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen werden für den Aufbau einer Kampfeinheit für den Cyberkrieg ausgezeichnet, die auch Angriffe durchführen soll.
  • Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, DİTİB, erhält einen Preis, weil dessen Imame für den türkischen Geheimdienst MIT ihre Gemeindemitglieder ausspioniert haben sollen. Die Religionsvereinigung war davon gar nicht begeistert und versuchte, mit einer Klageandrohung die Preisverleihung zu verhindern, blieb damit aber laut Digitalcourage erfolglos.

Wenn Sie beim Einkaufen per Telefon bezahlen, erklärt Ihnen unser Beitrag „Mit dem Handy bezahlen dank NFC“, worauf Sie achten müssen. Wie das funktioniert, beschreiben wir im Text „Daten übertragen mit NFC“.

Weitere Artikel

App-Test 

Navi-Apps im Check: HERE WeGo – solides Mittelfeld

Hinter HERE WeGo stehen drei Giganten der klassischen Wirtschaft: die Autokonzerne BMW, Daimler und Volkswagen. Die kostenlose App verfügt über hochwertiges Kartenmaterial und schneidet in puncto Datenschutz ziemlich gut ab. Eine solide Konkurrenz zu Google Maps.

Mehr
Ratgeber 

Magic Earth: Diese Navi-App empfehlen wir

Die kostenlose App gibt's für Android und iOS. Sie greift auf Kartenmaterial von OpenStreetMap zurück, kommt ohne Werbung aus und erhebt nur notwendige Daten. Auch Offline-Navigation ist möglich.

Mehr
Ratgeber 

Verstörend: Doctolib-App teilte sensible Informationen mit Facebook und Outbrain

Haben Sie in letzter Zeit bei „Doctolib“ einen Arzttermin gesucht? Dann ist es gut möglich, dass die Firmen Facebook und Outbrain schon davon wissen. Und zwar selbst bei sensiblen Themen wie einer Inkontinenzberatung beim Urologen oder der Mädchensprechstunde beim Frauenarzt.

Mehr
Ratgeber 

Blue Mail-App im Test: Nicht empfehlenswert

Im Test der Version 1.9.3 übertrug die App das Passwort und den Nutzernamen von einem eingebundenen GMX-Konto TLS-verschlüsselt an Server von Blue Mail. Dies ist extrem problematisch, weil der Dienst damit theoretisch vollständigen Zugriff auf das eigene Mail-Konto haben kann. Update: In Version 1.9.4.2 ist das Problem behoben.

Mehr